Für die heutige Gesellschaft, die im Sterben liegt, hat der Todeskampf bereits begonnen ..." Dieser düstere Satz steht in einem Bericht des spanischen Gesandten in Berlin, Donoso Cortés, vom 23. Mai 1849. Er faßt die Schlüsse zusammen, die dieser ungewöhnliche Mann aus dem Aufbrechen der "neuen Ideen", des Sozialismus von Proudhon, des kommunistischen Manifests und der 48er – Revolution gezogen hat, "Die damalige Welt horchte ein paarmal auf, wenn Donoso seine Reden vor der spanischen Kammer hielt, dann wurde er wieder vergessen. Aber jedesmal gehörte seither sein Name zum Echo der Katastrophe", sagt Carl Schmitt über ihn (Donoso Cortes in gesamteuropäischer Interpretation, Greven Verlag, Köln). Dies zeigt, daß Donoso mehr als Staatsmann und Geschichtsphilosoph, – daß er ein wirklicher Prophet war: Seine Reden und Briefe (Albert Maier: Donoso Cortés, Briefe, Reden und diplomatische Berichte, Verlag J. P. Bachem, Köln) beweisen, daß er den Weg Europas, bis in die Details der großen bolschewistischen Aggression unserer Tage hinein klar vorausgesehen hat.

Juan Donoso Cortes (1809 bis 1853), Sohn eines spanischen Rechtsanwalts, in jungen Jahren Literaturprofessor, später Abgeordneter und dann Gesandter in Berlin und in Paris, war zuerst Anhänger der von Paris aus verbreiteten liberalen Ideen, aber kurz bevor die Welle der Revolution durch Europa ging, führte ihn eine innere Wandlung zurück zum Katholizismus Er wandte sich vom Liberalismus ab und begann, Politik und Geschichte mit soviel Originalität neu zu durchdenken, daß man ihn heute vielleicht einen der erfolgreichsten katholischen Geschichtsphilosophen nennen kann.

Donoso glaubt, daß es zwei mögliche Weltanschauungen gibt, die katholische und die "philosophische", die gänzlich unvereinbar sind. Der Katholizismus lehrt, so sagt er, daß die Natur des Menschen schwach und krank ist und daß der menschliche Verstand die Wahrheit nicht in ihrer ganzen Tiefe erfassen kann; daß ferner der menschliche Wille nicht imstande ist, das Gute zu vollbringen, wenn er sich dabei nicht von Gott und seiner helfenden Gnade unterstützen läßt. Anders die "rationalistische" Philosophie. Nach ihrer Lehre ist die Natur des Menschen vollkommen und gesund, der Verstand imstande, die Wahrheit zu finden, während der Wille das Gute tut, gemäß dem inneren Gesetz seiner Natur. Wenn das wahr ist, so fährt Donoso fort, dann wird das große der Gesellschaft gestellte Problem gelöst, indem man alle Fesseln zerreißt, die den menschlichen Geist beenden, denn das Böse liegt ja nicht in Verstand und Willen, sondern eben in den Fesseln. Somit wird der Mensch die höchste Stufe der Vollendung erst dann erreichen, wenn er Gott als die Fessel des religiösen Lebens, die Regierung als die Fessel des politischen Lebens, das Eigentum als die Fessel des gesellschaftlichen und die Familie als die Fessel des häuslichen Lebens beseitigen kann. Donoso stellt nicht nur, er beantwortet auch die Alternative: "Mit festem, unverzagtem Herzen erkläre ich: Es ist die Schule der oben bezeichneten Philosophen, die den Sieg davontragen wird."

Mit anderen Worten, Donoso ist der Meinung, daß der leere Raum, der in der modernen Gesellschaft entstanden ist, seit der Rationalismus Gott und die Kirche aus ihr herausgelöst hat, durch nichts anderes mehr ausgefüllt werden kann. Die permanente Revolution muß die Folge sein, der "Todeskampf der Gesellschaft", von dem am Anfang die Rede war. Und seine glänzende Fähigkeit, die Theorie schlagend anzuwenden, läßt ihn daraus Sätze folgern wie diesen:

"Ihr werdet sein wie die Götter. "Ihr werdet sein wie die Reichen!" So lautet die Parole der Sozialisten (bei Donoso meist gleichbedeutend mit Kommunisten, Sozialdemokraten sind für ihn extreme Liberale), wenn diese ihren Aufstand gegen die mittleren Klassen beginnen. "Von nun ab sollt ihr dasselbe sein, was bisher der Adel war!" So lautet die Parole der mittleren Klassen, wenn diese ihren Aufstand gegen den Adel beginnen. "Ihr werdet sein wie die Könige!" So klingt die Parole des Adels, wenn er seine Revolution gegen die Könige eröffnet. Aber am Ende hören wir die Parole: "Ihr werdet sein wie die Götter", und das war ja die Parole des ersten Menschen, als er sich gegen Gott empörte.

Aus dieser tief pessimistischen Sicht sagt Donoso die fortschreitende Zersetzung voraus, die in Tyrannei umschlägt. Im Januar 1849 erklärte er im spanischen Parlament: "Die Freiheit ist tot... Schon alt die Menschheit mit großen Schritten dem sicheren Schicksal der Despotie entgegen, und ich sage Ihnen, diese Despotie wird eine Macht gewinnen, die ans Riesenhafte grenzt, und sie wird eine Kraft der Zerstörung entfalten, die alles übertrifft, was wir bisher erlebt haben." Donoso hat. als er das sagte, sehr wohl geglaubt, daß eine solche Entwicklung in Deutschland ihren Anfang nehmen könnte, dessen Brodeln und Kochen zwischen dem absinkenden französischen und dem aufsteigenden russischen. Machtkomplex ihm stets unheimlich war. Aber er war sich damals schon ganz klar darüber, daß die Hauptgefahr für die abendländische Zivilisation in Rußland selbst liegt. "Ich glaube in der Tat", rief er am 30. Januar 1850 im Parlament aus, "daß eine Revolution in Petersburg leichter zu entfesseln ist als in London! Und in derselben Rede sagte er, er meine keineswegs, daß Europa von Rußland nichts zu befürchten hätte. Aber bevor Rußland imstande sei, einen allgemeinen Krieg zu entfesseln, müßten drei Ereignisse eingetreten sein: Dem revolutionären Geiste müsse es gelungen sein, nicht nur die gesellschaftliche Ordnung, sondern auch die stehenden Heere aufzulösen. Dem Sozialismus müsse es gelungen sein, seine Lehre in die Tat umzusetzen, also den Eigentümer auszuplündern und damit den Patriotismus zu vernichten. Dem Panslawismus müsse es gelungen sein, im Osten seine Idee verwirklichen, die slawischen Völker also müßten, unter die Herrschaft Rußlands geraten sein. "Dann hat die große Stunde Rußlands geschlagen ... Dann werden die Russen durch unser Europa spazieren. Dann wird die Welt ein Strafgericht erleben, das alle Erinnerungen der Geschichte hinter sich läßt..."

Sind die Bedingungen, die Donoso damals gestellt hat, nicht bereits nahezu wörtlich erfüllt? Und zittert nicht tatsächlich Europa seit fünf Jahren vor der angekündigten Katastrophe?

Donoso Cortés war zu seiner Zeit als "reaktionär" verschrien. Jedoch vermag das nichts am der Richtigkeit seines Geschichtsbildes zu ändern. Seine Schwäche liegt anderswo. Er bekämpft die "Philosophie", weil sie dem Menschen seinen Gott geraubt habe und weil die Gesellschaft dieses Vakuum nicht zu ertragen vermöge. (Deshalb versucht sie bald einen Führer, bald eine Klasse oder Partei zum Gott zu machen.) Allein er zeigt keinen Ausweg. Zuletzt muß die Hoffnungslosigkeit, welcher der Leser Donosos verfällt, gerade die Katastrophe beschleunigen, von der zu warnen das Lebenswerk dieses großen spanischen Katholiken war. In Wirklichkeit aber enthält die Erkenntnis der Gefahr in sich schon ein Element der Heilung. Die Frage ist nur, ob die Menschen die Opfer bringen wollen, nach denen diese Erkenntnis ruft Walter Frederica