oder: Wann fing die russische Geschichte an?

Die Vorgeschichtsforschung hat in den letzten Jahrzehnten so viel Licht über Zeiträume gebreitet, die der schriftlichen Überlieferung vorangehen, daß Mommsens malitiöses Wort, die Prähistorie sei "die Wissenschaft der Analphabeten", kaum noch verständlich ist. Ist aber die Grenze von Vorgeschichte und Geschichte dadurch hinfällig geworden? Gegen eine neuerdings üblich gewordene Verwischung wendet sich mit guten Gründen der Althistoriker Joseph Vogt im ersten Nachkriegshalbband des "Historischen Jahrbuchs der Görres-Gesellschaft". Er zeigt, daß die Unterscheidung von Vorgeschichte und Geschichte auf der Verschiedenheit des Bewußtseinszustandes schriftloser und schriftgewohnter Völker beruht. "Die Schrifterfindung erfolgt im Leben der Völker innerhalb eines schöpferischen Reifevorgangs, der das ganze geistige und materielle Dasein umfaßt." Und: "Die Schriftvölker treten uns in wesentlich anderer geistiger Verfassung gegenüber als die Gemeinwesen der früheren Zeit." Ohne Verluste ist auch dieser Fortschritt nicht erkauft: in der mündlichen Überlieferung bleibt das Wort lebendiger und der Sinn für Symbole wacher. Wenn man also, Mommsens Wort variierend, heute die Vorgeschichte wieder, wie es noch Ranke tat, sozusagen die "Wissenschaft von den Analphabeten" nennen könnte, so doch nicht ohne Ehrfurcht vor den frühen Stadien der Geistesentwicklung. Die Perfektion des Schriftverkehrs in unseren Tagen hat jeden Anlaß zur Überheblichkeit gegenüber schriftlosen Völkern weggeräumt.

Vogts Sätze sollte man den sowjetischen Vorgeschichtsforschern ins Stammbuch schreiben, die auf Grund von Ergebnissen einer Gräberfeldausgrabung bei Smolensk jetzt mehr als je zuvor darauf pochen, die Kultur des vornormannischen Rußland habe bereits so hoch gestanden, daß die Wikinger nichts Wesentliches hätten hinzufügen können. Gewiß, die alten slawischen Stämme kletterten nicht auf Bäumen, sondern verfügten über alle Kunstfertigkeiten der Bronze- und Eisenzeit und kannten soziale Ordnungen. Aber ihre Kultur war schriftlos und darum auch staatlos. Denn der Staat bedarf, um sich mitzuteilen, der Schrift. Die normannische Runenschrift und der Warägerstaat stehen darum – so unangenehm den Sowjets diese Erkenntnis sein mag – am Beginn der russischen Geschichte und waren das Ende der russischen Vorgeschichte. Lew.