Es ist die großartige, unselige Aufgabe der wenigen Köpfe, die von Gott dazu berufen worden sind, "im Dichten zu denken", sich über alle "scheinbare" Nutzlosigkeit hinwegzusetzen und zwischen uns und unsere tatsächliche Zukunft Warnbilder aufzuhängen. Die können "lyrisch" sein (da wäre Eliot zu nennen, W. H. Anden und – bei uns – etwa Rilkes unheimliches Sonett auf die Maschine); es können auch dramatisch chiffrierte Visionen sein, wie wir sie bei Claudel, Thornton Wilder und Camus finden; oder sie treten als romanhaft getarnte "Utopien" auf. Ich brauche nur Kafka zu nennen und Huxleys "Brave new world" (von Anno 1928). Ihre Zahl ist seitdem Legion geworden – Legion, aus der sich Orwells "Neunzehnhundertvierundachtzig" durch ein besonderes Maß zwingender, ja, überzeugender Folgerichtigkeit abhebt.

Demgegenüber erweist sich der Roman "25 Uhr" des Rumänen Konstantin Virgil Gheorghiu (geboren 1916, stud. phil. et theol. in Bukarest und Heidelberg, ehemals Legationssekretär in der Kulturabteilung des rumänischen Außenministeriums) eher als eine, wenn man so sagen darf, nach rückwärts gewandte Utopie. Für Gheorghiu ist der Zustand, den Orwell ins Jahr 1984 verlegt, schon längst eingetreten; die Katastrophe hat sich mit völlig ungehemmter Wirkungskraft schon aller Menschen und Dinge bemächtigt, schon alle Köpfe in einer Weise filtriert, daß es nur noch die in ihrer Radikalität trostlose Entscheidung zwischen (ich zitiere wörtlich) "der motorisierten Bestie von den Ufern der Wolga und dem nicht weniger herzlosen Maschinenmenschen von jenseits des Atlantik" gibt. Das Individuum sei, so meint Gheorghiu, innerhalb dieser Gesellschaft des technischen Zeitalters vollkommen ausgelöscht: auf beiden Seiten werde der Mensch nur noch als Energiequelle gewertet – auf der einen Seite aus einem Rückfall in nackte Barbarei; auf der andern (nicht-russischen) Seite deswegen, weil innerhalb eines völlig automatisch gewordenen Systems der Statistik, der Registrierungen, der Fragebögen die Qualitäten gar nicht mehr faßbar seien, auf Grund derer sich ein Einzelwesen unersetzbar unterscheide.

Aber das alles klingt sehr theoretisch und scheint sich nur wenig von dem Tenor abzuheben, den wir neuerdings (und Gott sei Dank) auf den verschiedenen Kongressen zur Verteidigung der Freiheit hören dürfen. Es wäre noch kein Grund, auf dieses Buch – das nie in der Ursprache erschienen ist, sondern nur in der französischen Übersetzung, der nun in ganz kurzer Frist neunzehn andere und als jüngste eine treffliche deutsche gefolgt sind (Übersetzerin: Leonore Schlaich. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. 504 S., DM 11,50) – mit ganz besonderem Nachdruck hinzuweisen. Das Wesentliche beruht vielmehr darin, mit welcher Art Zugriff der Verfasser (unter Verzicht auf die sarkastischen Absurditäten eines Zukunftsromans) das vollständig geschlossene System seiner Argumente aus den Entwicklungen und Ergebnissen der letzten zehn Jahre zusammenbringt; aus facts, an denen wir alle beobachtend, mitmachend, leidend beteiligt waren, ergibt sich ihm die heillose Figur unseres wirklichen, in keiner Weise mehr zu beschönigenden Daseins.

Diese geschlossene und sehr deutliche Figur aber entsteht aus dem sehr merkwürdigen, ja, großartigen Zusammentreffen zweier, man sollte meinen, schwer vereinbarer Kräfteströmungen: es ist das eine ursprüngliche, manchmal geradezu "naive" Fabulierlust und Fabulierfähigkeit – Panait Istrati, kanalisiert durch die knappe Präzision Hemingwayscher Technik – und anderseits eine fast halsstarrige Besessenheit, das Fabulierte jederzeit in der Hand zu behalten; es nicht als Illustration für bestimmte Grundthesen anzuwenden, sondern diese Grundthesen aus der Fabel unumstößlich hervorgehen zu lassen.

Das ganze ist eine Odyssee durch die Gefängnisse dieses Jahrhunderts. Johann Moritz, ein junger rumänischer Bauer deutschen Namens, und Trajan Koruga, ein junger rumänischer Schriftsteller, geraten in die Mühle dieses "âge concentrationnaire beide schuldlos, beide hilflos. Der Intellektuelle (der in einer sehr geschickten "conférence" die einzelnen Kapitel dieses Buches vorzeichnet, so als schriebe er sie – es schreibt sie aber das Leben) geht zugrunde. Der Bauer bleibt – zufällig – am Leben. Dieser junge Bauer, in dessen Perspektive wir das völlig irre Gemisch aller Absurditäten dieser letzten zehn Jahre nacheinander durchdringen, erweist sich als ganz vorzügliches Spektrum: eine Art Parsifalfigur, in die Elemente von Gulliver, Woyzek, Schweijk und Chaplin eingegangen sind. Er besitzt noch die ganze, fast könnte man sagen, balkanisch naive Kraft des Staunens. Sein Zusammenstoß mit den gänzlich entmenschten Mechanismen, bzw. den gänzlich mechanisierten Unmenschen wirkt um so "reiner". Diese Brechung verleiht dem Buch geradezu den Charakter eines Lehrbuchs (Lehrbuch in dem Sinne gemeint, wie Brecht Lehrstücke schreibt). Diese Wirkung aber verstärkt sich dadurch, daß die Begebnisse sich gleichzeitig in der Reflexion seines Freundes Trajan brechen, der mit allen Rüstzeugen der abendländischen Zivilisation gewappnet ist und dem Schicksal seine geistige Existenz entgegenstellt, leren Koordinaten von den Kirchenvätern bis zu Keyserling, Picasso und Alberto Giacometti dem Bildhauer) reichen.

Es braucht, scheint mir, nicht unterschlagen zu werden, daß dieses im Gesamtentwurf so großartige Buch auch einige schwächere Stellen hat: wo es, auf kurze Strecken, "Gesellschaftsroman" wird, steht es ein wenig in der Nachfolge früher Huxleys. Das aber wird völlig ausgewogen durch das echte Pathos einer völlig unverblümten Gerechtigkeitsliebe! Sie streift geradezu ans Wunderbare. Wer eine völlig unbestechliche Zeitkritik (ohne die pamphletischen Renaissanceblüten etwa der Anklagen Malapartes) kennen lernen will, mag sich an dieses Buch wenden. Es predigt schonungslos, mit einer Kraft der Markierung, daß man mitunter meint, man höre in der Ferne die gewaltige Stimme von Bernanos grollen, Gabriel Marcel (dessen glänzende Untersuchung ‚Was ist ein freier Mensch?" soeben in Heft 24 des "Monat" erschienen ist), hat das Buch den ranzösischen Lesern mit allem Nachdruck unterbreitet. Er betrachtet Gheorghiu als einen wesentlichen Mitstreiter im Kampf für die Freiheit des Christen. Albert Schulze Vellinghausen