Für den Dichter ist das Erfinden und Ausspinnen dieser leichten, bitteren Komödie ein Intermezzo zwischen zwei schwereren, tröstlicheren Schauspielen gewesen. Für die kleine Stadt im Limousin ist das, was Giraudoux sich in ihr. begeben läßt, ein wunderliches, gefährliches Intermezzo ihrer sonst regulären Existenz. Und es begibt sich, weil Isabelle, an der Grenze zwischen bravem Mädchen und sittsamer Beamtenfrau, sich ein Intermezzo des schwärmenden Gefühls gestattet, einen Seitensprung in den Geist sozusagen, ja geradezu die Buhlschaft mit einem Geist Daß Gefühl Geist sei und vom regulären Leben auszuklammern, ist eine romantische Erkenntnis, und der französische Dramatiker erweist sich abermals als Vollender der deutschen Romantik, indem er die Sehnsucht nach dem Geist als Todesverlangen und den Drang nach ordentlichem Glück als Flucht vor dem Tode in den lebendigen Scheintod beschreibt. Dessen ehernes Gesetz stellt, gegen die Störung durch den Geist, der Inspektor wieder her – der Messias der leeren Verständigkeit, die auf den Geist schießen läßt, weil sie nicht an ihn glaubt und gerade mit diesem Widersinn, vor dem Ernst des Todes blamiert, im Leben allemal recht hat.

Giraudoux bevölkert die Bühne mit Bürgern, Klatschbasen und kleinen Mädchen, die zu Ende gedachte Phantasien Brentanos oder Georg Büchners sein könnten – nur daß sie die gläserne Konsistenz französischer Theaterfiguren behalten haben und also selbst da noch Geist ausstrahlen, wo sie den Geist verleugnen. Gerade sie, die Spießer, sind mit jenem Tropfen ironischen Öls gesalbt, der den vom Tode Gezeichneten (Isabelle und dem Phantom) mangelt. Sie haben den Humor ihrer Plattheit, und der Dichter sieht auf sie mit zärtlichen Augen, ganz ohne den schnöden Einsamkeitsdünkel des Geistigen, Das macht die bittere Einsicht leicht zu tragen und gibt dieser weisen Romanze einen milden und versöhnlichen Ton. Die heute schon stereotyp gewordene Satire auf das Rationale, das Mechanisierte, das Automatische wurde von Giraudoux vorweg in ihrer Mitleidslosigkeit entlarvt. Denn seine Automaten haben Herz – und Herz ist wohl das, was jeder aus den vergänglichen Stunden seines Intermezzos zurückbehält.

Seit Shakespeare ist kein Theaterdichter so unparteilich gewesen wie dieser Klassiker der allerspätesten Romantik, der sich von keinem Strindberg hat ins Entsetzen jagen lassen. Doch eben seine Unparteilichkeit macht es dem Zuschauer schwer. Archimedische Punkte des Denkens sind vom Parkett aus nicht so gut zu erreichen wie am Schreibtisch. Dem brillantesten Szeniker ist hier ein Lesedrama aus der Feder geflossen. Aber nichts könnte glänzender für die Affinität zwischen den Ingenien Giraudoux’ und seines Interpreten Karl Heinz Stroux zeugen als der Umstand, daß dieser sich mit so entsagender Akribie und so passionierter Fröhlichkeit des funkelnden und gebrechlichen Werkes angenommen hat. Seine Inszenierung im Deutschen Schauspielhaus (der die im Berliner Hebbel-Theater auf dem Fuße folgen wird) setzte wieder, wie bei der „Irren von Chaillot“, einen Maßstab, wie Giraudoux zu spielen ist: ohne Ungefähr, kühl und präzise bis zur Dreistigkeit, nur mit einem Körnchen Überschwang, aber achtsam auf die Gebärde.

Das Ensemble des Hamburger Theaters (diesmal ganz ohne Gast, mit der grazilen Ruth Leeuwerik und dem malvoliesken Robert Meyn in den größten Rollen, dazu mit einer glorios bewegten Schulmädchenschar) zeigte, daß es an Aufgeschlossenheit für wahrhaftige Intentionen und an Sinn für Werktreue hinter keinem anderen zurücksteht, und weckte die Erwartung, daß solch hochgespanntes Spiel bei ihm kein Intermezzo bleibt. cel.