Bühlerhöhe, im Oktober

Im Kurhaus Bühlerhöhe bei Baden-Baden, dessen Chefarzt Dr. Gerhard Stroomann der Animator von monatlichen Zusammenkünften geistig interessierter Menschen mit hervorragenden Künstlern und Wissenschaftlern der Gegenwart ist, hielt an einem der letzten Wochenende Martin Heidegger einen Vortrag über die Sprache. Der Philosoph nannte ihn "Denkversuch". Anlaß dazu war eine Gedenkstunde für Max Kommerell.

Heidegger begreift das Phänomen der Sprache als etwas, dessen der Mensch nicht mächtig, wohl aber teilhaftig ist, – sofern er der Sprache sich zu lauschen vermag. In dem Maße, wie er sich der Sprache erschließt, sich von ihr gewissermaßen durchfluten läßt, wird er zum Sprachrohr des Seins. Hier wird Heideggers nichtanthroprologisches Weltbild deutlich, sein Zurückgreifen auf die Vorsokratiker.

Die Sprache als Vorstellung bildhafter Anschaulichkeit, als lautlichen Ausdruck der Gemütsbewegungen, als sinnverleihenden Akt zu begreifen, dies alles genügt nicht, kann nicht zur Sprache selber führen. In die hinein gelangen wir durch das Sprechen. Um dies deutlich zu machen, las und interpretierte Heidegger ein Gedicht von Georg Trakl, "Ein Winterabend", worin in drei schlichten Strophen zu je vier Versen im wesentlichen dies gesagt ist: Der "auf dunklen Pfaden" irrende Wanderer wird in das bergende Haus gerufen, wo mag und Wein seiner warten; schon vorher aber mag dem Suchenden der "Baum der geschickt seinen hellen, goldenen Glanz vorangeschickt haben. Von dieser dichterischen Vision aus drang der Denker in das Wesen des Gesagten ein. Das Nennen der Dinge (die Abendglocke, der Schnee am Fenster, Brot und Wein in der Hütte) bringt die Dinge selber näher; damit aber wird Welt nahegebracht, das sich schon spiegelnde Geviert "Erde, Himmel, Göttliche, Sterbliche" (das schon Laotse gekannt hat). In der so gerufenen, das heißt: geheißenen und damit verheißenen Welt "weilen jeweils" die Dinge. Die Sterblichen werden als Gäste in das Geviert der Welt gerufen. In der dem Menschen gegebenen Sprache vollzieht sich nichts anderes als die Vereinigung von Ding und Welt, ihr inniges Zueinander, aber auch ihr Voneinander-geschieden-Sein. Heidegger nennt es einfach den "Unterschied", und eben dieser Unterschied ist die Dimension der Sprache als Sprache, das mystische "Dazwischen", ist der verlautbarte Unterschied von Ding und Welt. Die Sprache (und damit der Mensch als Träger der Sprache) wäre demnach als die vermittelnde Mitte zu denken,

Jedes Getrenntsein offenbart sich aber als Schmerz (Heidegger sagt: "ereignet" sich als Schmerz). "Der Schmerz ist der Unterschied selber in seinem fügenden Reißen", lautet einer seiner dunkel-schwierigen Sätze. Somit ist das Sprechen der Sprache das "Durchmessen des Unterschiedes", ohne daß die Sprache ihn ausdrücklich nennt. (Hier wies Heidegger auf Kommerells Kleist-Abhandlung "Die Sprache und das Unaussprechliche", erschienen 1957, hin.) Der Wanderer, der bei Trakl über die "vom Schmerz versteinerte" Schwelle tritt, vom Draußen in das Drinnen, fügt das Getrennte zueinander. So macht der dichtend-denkende Mensch (beides sind für Heidegger identische Vorgänge) das "Sein", die Ek-sistenz, gegenwärtig, worin Gott wohnen oder nicht wohnen kann.

Wolfgang A. Peters