Vollkommen gesichert sei die geplante Umsiedlung von 90 000 Vertriebenen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern nach Nordrhein-Westfalen, meinte man: in Düsseldorf im Juli dieses Jahres. Und das Sozialministerium von Rheinland-Pfalz war auch im August noch sehr zuversichtlich, als es erklärte: die Umsiedlung Von ebenfalls 90 000 Vertriebenen nach Rheinland-Pfalz würde mit Rücksicht auf die Witterung schon bis zum Dezember dieses Jahres abgeschlossen sein. Und das Ergebnis? Gerade diese beiden Länder konnten ihren Zusagen nicht nachkommen. Von den je 90 000 hat Nordrhein-Westfalen bis jetzt erst 39 000, Rheinland-Pfalz bisher 60 500 aufgenommen. Aber auch alle anderer! Aufnahmeländer sind in mehr oder weniger großem Maße hinter den, Planzahlen zurückgeblieben. So sollte Baden 48 000 Vertriebene unterbringen; bis jetzt sind es nur 32 00D Württemberg-Hohenzollern liegt mit einer Aufnahmezahl von 41 500 gleichfalls unter seinem Soll von 49 000. Nur die Hansestädte Bremen und Hamburg haben die ihnen zugewiesenen Flüchtlinge vollzählig aufgenommen; es handelt sich dabei freilich auch nur um 2000 beziehungsweise 5000 Vertriebene. Als Gründe für die Stockung der Umsiedlung und für die Bitte um Aufschub, mit der sich die Aufnahmeländer an den Bund wandten, gaben sie an: durch frische Truppen der Alliierten belegte Kasernen, Wohnungsnot (diesmachte vor allem Nordrhein-Westfalen geltend, das noch bis Jahresende 18 500 Wohnungen für Vertriebene aus Mitteln bauen wollte, die der Bund in Höhe von 79,6 Mill. D-Mark eigens zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt hatte), mangelnde Arbeitsmöglichkeiten und den nicht nachlassenden Strom von Flüchtlingen aus der Sowjetzone, den man allein in Nordrhein-Westfalen schon auf über 50 000 schätzt.

In Wittdün auf der Insel Amrum waren die Vertreter der Flüchtlingsverwaltungen der einzelnen Länder im August 1949 übereingekommen, rund 600 000 Vertriebene aus den mit Flüchtlingen überbelegten Ländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern in die anderen westdeutschen Länder umzusiedeln. Bis Ende 1950 sollten 300 000 von ihnen bereits in der neuen Heimat sein. Am 29. November 1949 erließ die Bundesregierung eine Verordnung, die dem Ganzen eine rechtliche Grundlage gab. Im Frühjahr 1950 begann die Umsiedlung. Bis zum 10. Oktober dieses Jahres waren jedoch nicht 300 000, sondern erst 198 000 in den Bestimmungsorten angekommen.

Inzwischen haben sich in den Flüchtlingslagern in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen erschütternde Szenen abgespielt. In Flensburg sahen sich 110 Vertriebenenfamilien in einer verzweifelten Lage. Ihre Abreise nach Württemberg? Hohenzollern, die schon auf einen bestimmten Tag festgesetzt war, wurde im letzten Moment abgeblasen. Die Flüchtlinge Hatten ihre Kartoffeln, ihre Kleintiere und oftmals auch einen Teil des Hausrates verkauft, nur um in der neuen Heimat mit etwas Bargeld anfangen zu können. Nun kehrten sie in Baracken zurück, über die das Wohnungsamt bereits anderweitig verfügt hatte. Dies ist nur ein einziges von vielen Beispielen dafür, wie unerträglich die Marten einer Umsiedlung werden, wenn sie nicht planmäßig abläuft. Ob nicht der ganze Plan im Vorjahr auf Amrum etwas zu übereilt und nur "mit dem Blickpunkt auf die finanziellen Nöte der überlasteten Länder gefaßt worden ist? Vielleicht könnte man doch auch in diesen Ländern für mehr. Flüchtlinge als bisher neue Lebensmöglichkeiten finden, wenn man versuchte, die wirtschaftliche Struktur zu erweitern; man könnte doch nach Schleswig-Holstein. vielleicht, Industrien legen, die nicht ortsgebunden sind. Anscheinend hat man in Amrum nicht genügend bedacht, daß Massenumsiedlungen 14 der Geschichte meistens ein trauriges, Kapitel waren.

Vorläufig ist die Umsiedlung festgefahren, auch wenn ein Sprecher des Vertriebenenministeriums erklärte, man würde sie auf alle Fälle zu Ende führen und ein neuer Notverordnungsentwurf zur Durchführung sei für das kommende Jahr bereits in Vorbereitung. Der Vertriebenenminister Lukaschek selbst war einige Tage vor diesen Erklärungen auf einer Pressekonferenz sehr skeptisch gestimmt.

Ob bei den einzelnen Ländern wirklich nur neue Schwierigkeiten oder auch böser Wille für den Aufschub verantwortlich zu machen sind – man kann es nicht entscheiden. Die verantwortlichen Stellen aber sollten wissen, daß man die Umsiedlung von Menschen nicht stoppen kann wie einen Warenaustausch. Und sie sollten sich noch mehr als bisher darüber klar werden, daß sie die Hoffnung von Hunderttausenden in ihren Händen halten. P. H.