o. f. b. Venedig, im Oktober

Seit einigen Wochen taucht das Thema vom "bedrohten. Venedig" in der italienischen Presse auf, und die besorgten Stimmen wollen nicht zum Schweigen kommen. "Riskiert Venedig eine häßliche Festlandstadt zu werden?" fragt der "Corriere della Sera", und die römische Tageszeitung "Il Tempo" behauptet: "Die Ausländer sind über die neuen Baupläne mehr schokiert als die Italiener".

Was ist geschehen in dieser vom Kriege verschont gebliebenen schönen Stadt? Zunächst noch nicht viel mehr, als daß da und dort ein alter Palazzo der Spitzhacke zum Opfer fiel und sich an. seiner Stelle ein häßlicher Neubau erhob. Nun ist gewiß schon das Hotel Bauer kein sehr hübscher Anblick, obgleich sich der Tourist allmählich daran gewöhnt hat. Es scheint aber, daß die Projekte, ähnliche Riesenhotels in die Lagunenstadt zu verpflanzen, unter dem Einfluß des allzu guten Touristengeschäftes munter voranschreiten. Nimmt man noch die prekäre Wohnungsfrage hinzu, so begreift man auch, daß man teilweise inmitten der Stadt beginnt, moderne Wohnhäuser zu bauen. Zwar gibt es in Venedig eine Reihe von Stellen, denen es obliegt, den einzigartigen Charakter der Stadt zu wahren. Aber man hört von Fällen, in denen Neubauten errichtet wurden, ohne daß die Behörde überhaupt etwas davon erfahren hat, und von Palästen, die auf demselben Wege einfach vom Erdboden, oder richtiger gesagt, von der Lagune verschwunden sind. Ob dabei die berühmte "Busta" eine Rolle spielt – der dicke Briefumschlag, den man einem Beamten diskret in die Hand drückt und von dem im Augenblick die italienischen Witzblätter leben? Man weiß es nicht.

Man beruft sich bei solchen Projekten gern auf die Notwendigkeiten des Fremdenverkehrs, aber gerade die Fremden sind natürlich die ersten, die jede Störung in der einzigartigen Baulinie dieser Stadt am empfindlichsten stört. Eher läßt sich noch verstehen, daß es für den Einheimischen nicht immer bequem ist, in einem Museum zu leben, und daß mancher eine moderne helle Wohnung der Unterkunft in einem winkligen, dunklen und feuchten Winkel vorziehen würde, zumal ja mancher entlegene Rio und manche Calle nicht gerade nur von Palazzi bestanden sind, sondern von Häusern, die schon im siebzehnten Jahrhundert recht unkomfortabel waren und nur im Laufe der Zeit ihre historische Patina angesetzt haben. So ist also der Widerstreit zwischen einer dynamischen, lebendigen Stadt und ihrer dekorativen Vergangenheit wohl zu verstehen. Wie wird es ausgehen?

Die geschäftstüchtigen Unternehmer kämpfen sich bis zu den römischen Zentralbehörden durch und erreichen ihr Ziel gegen die Einsprüche der lokalen Behörden. Der Abgeordnete Di Fausto interpellierte erst kürzlich in der Kammer, um zu verhindern, daß einige der alten Bauten und letzten Gärten neuen sechsstöckigen Wohnhäusern Platz machen mußten – ohne Erfolg. So betreibt der Architekt Federico Scarpa seit dem vorigen Jahr das Projekt einer Autobuslinie, die von dem beim Bahnhof gelegenen Piazzale Roma durch eine Reihe von Hintergassen bis Sant’ Elena, also quer durch die ganze Stadt führen soll. Die Reihe der Protestierenden wurde neuerdings durch Le Corbusier erweitert. Gerade er, der Nestor der modernen Baukunst Europas, wandte sich in einem Interview, das er in Marseille nach einer venezianischen Reise gab, heftig gegen die Verunstaltung der Stadt durch unproportionierte Großbauten. Sie sähen – so erklärte Le Corbusier – in einer Stadt wie Venedig nicht nur selbst schlecht aus, sondern zerstörten auch optisch ihre ganze Umgebung. Diese verstreuten Proteste, die sich da und dort gegen Attentate des Geschäftsgeistes wider die bauliche Eigenart der Stadt erhoben, wollen nun einige Venezianer dazu benutzen, um eine internationale Protestliste aufzulegen, in die sich jeder eintragen kann, dem an der Erhaltung des heutigen Venedig liegt. Ob aber telegraphische Sympathieerklärungen mit einem solchen Unternehmen aus Paris und New York das solide Geschäft der einheimischen Spekulanten wirksam stören können? Man darf es bei einiger Ortskenntnis bestreiten.

Aussichtsreicher erscheint der Vorschlag von Elio Zorzi, sich den Notwendigkeiten einer wachsenden Großstadt nicht zu verschließen, aber den Baudrang auf eine neue Zweigstadt Venedigs zu denken, die man am Festland errichten könne. Hier ließe sich sehr wohl auf unverbautem Gelände eine neuzeitliche Wohnsiedlung mit den notwendigen Geschäftsbauten und Großhotels errichten, ohne daß der einzigartige Stadtkern beschädigt werden müßte. Eine solche moderne Festlandstadt im Norden der Eisenbahnbrücke könnte den starken Bevölkerungsdruck vermindern und sei das einzige Mittel, um zu verhindern, daß vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren ein durch Wolkenkratzer zerstörtes Groß-Venedig auf den Gedanken komme, mit der unrentablen Vergangenheit völlig Schluß zu machen und etwa gar die Lagune trockenzulegen, um mehr Baugrund zu gewinnen.