Mohammed der Fünfte und die Damen von Paris

Von unserem Pariser Mitarbeiter Jean Charlot-Saleck

Was hat Sidi Mohammed ben Youssef gemeinsam mit den neun Millionen Marokkanern, die heute sein scherifisches Reich bevölkern und von denen achtzig Prozent kleine Bauern und Viehzüchter sind? Er ist gottesfürchtig wie sie, taktvoll und höflich. Was trennt ihn von der Masse seines Volkes? Ein Abgrund so tief wie der, welcher zwischen Peter dem Großen und den Muschiks des damaligen Rußland klaffte, denn Mohammed der Fünfte überblickt und versteht, was bis auf eine kleine Elite seine Untertanen nicht einmal sehen: die technischen und politischen Probleme der Zeit.

Seine Kindheit verbrachte er hinter den Mauern der väterlichen Paläste; man weiß nicht einmal, ob er in dem von Fez oder dem von Rabat geboren ist, auch schwanken die Angaben über das Datum seiner Geburt zwischen 1909 und 1911. Schon als Knabe erregte er das Mißfallen seines Vaters und wurde vom Hof nach Meknès verbannt, wo man ihn ohne Erziehung und Ausbildung vegetieren ließ. Dort erreichte ihn im November 1927 die Berufung auf den Thron. Er hatte sie zwei für ihn glücklichen Umständen zu verdanken: Das marokkanische Sultanat vererbt sich nicht unbedingt auf die erstgeborenen Söhne; der Nachfolger wird unter allen Kindern und nahen Verwandten des verstorbenen Monarchen durch die "Ulemas", den Rat der Weisen von Fez, gewählt. Wichtiger für ihn aber war die Abneigung, die der französische Resident gegen den ältesten Sohn des Verstorbenen hegte. So kam der junge Verbannte in Vorschlag. Wahrscheinlich hoffte man, in ihm einen bequemen Befürworter der französischen Interessen zu finden. Anfangs konnte man auch meinen, daß Mohammed der Fünfte vor allem die mit dem Thron verbundenen Annehmlichkeiten sah, nicht aber die Pflichten. Denn als die Delegation, die nach Meknes geeilt war, um ihn in die Hauptstadt: zu geleiten, den Prinzen mit Votre Majeste begrüßte, fragte er: "Bin ich wirklich König, mit der ganzen Macht?" und als man ihm versichert hatte, daß zur gleichen Stunde das Abendgebet in seinem Namen gesprochen würde, da sagte er: "Wenn ich jetzt alles machen darf, dann werde ich als erstes heiraten." Weniger politischen Ehrgeiz konnte er kaum zeigen.

Was dem Sultan an allgemeiner und politischer Bildung fehlte, hat er mit Energie nachgeholt, und heute genießt der Sultan, dessen Stellung zwischen dem marokkanischen Volk und der französischen Protektionsmacht nicht leicht ist, den Ruf eines umsichtigen Staatsmannes. Mag sein Herz in den Franzosen nichts anderes sehen wollen als die fortgewünschten Eroberer Nordafrikas, so sieht sein Verstand Zahlen und Tatsachen, aus welchen die seinem Lande nützlichen Leistungen der Franzosen hervorgehen, die in den letzten dreißig Jahren das Gesicht Marokkos so gründlich verändert haben: 1921 betrug die Zahl der Einwohner vier Millionen, davon fünfzigtausend Franzosen; 1949 war sie auf neun Millionen gestiegen, davon zweihundertachtzigtausend Franzosen. Die früher periodisch wiederkehrenden Hungersnöte und Seuchen mit ihren hohen Sterbeziffern sind von den Franzosen mit Erfolg bekämpft worden. Casablanca, 1912 ein Dorf, ist heute eine moderne Hafenstadt von einer halben Million Einwohner. Eisenbahnen und Straßen durchziehen das Land in einer Dichte, die man nicht überall in Europa findet. Schulwesen, Industrie und Bergbau, alles von den Europäern geschaffen Und viel zu lange von den Marokkanern boykottiert, sind in ständigem Aufschwung. Von den zehn Millionen Hektar kultivierbaren Bodens sind trotz des ungeheuren Einstroms französischer Kapitalien mehr als neun Millionen im Besitz von Marokkanern. Selbst die Nationalisten leugnen nicht, daß Marokko unter der Leitung Frankreichs aus seiner Stagnation erwacht ist und allmählich den seit Jahrhunderten verlorenen Anschluß an die Welt wiederfindet. Aber gerade deshalb verwünschen sie die Franzosen. Denn die Berührung des marokkanischen Volks mit der nicht-islamischen Umwelt hat die einst so große Macht der lokalen Scheichs und Paschas, die früher sogar den Sultan in Schach hielten, unverzeihlich geschmälert, und das macht sie auch blind für die Vorzüge der im Aufbau befindlichen Zentralverwaltung der scherifischen Regierung des Sultans. Die im "Istiqlal" zusammengeschlossene Oppositionsgruppe "moderner" Marokkaner, deren sich die Komintern gern für ihre Interessen bedient, verlangt lärmend vom Sultan die Vertreibung der Franzosen. Diese meist noch jungen und in den Städten geborenen Intellektuellen, die bei französischen Lehrern studiert haben – fast ausschließlich Jurisprudenz, reine Forschung und exakte Wissenschaften scheinen den Nordafrikanern nicht zu liegen –, behaupten, das Land verfüge über eine genügend starke Eliten um sich ohne die fremden Instruktoren und Aufseher behaupten zu können. Aus dieser Gruppe hört man sogar zuweilen erbitterte Vorwürfe gegen die Vizire (Minister) der scherifischen Regierung, weil der Sultan 1940, als Frankreich am Boden lag, die Stunde nicht genutzt habe, um die "Unterdrücker" zu vertreiben.

Mohammed der Fünfte hätte in der Tat versucht sein können, im Sommer 1940 den "Heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen zu proklamieren, denn für einen solchen Krieg sind die Anhänger des Propheten ja immer zu haben. Daß er der Verlockung widerstanden hat, geschah gewiß nicht einzig aus Ritterlichkeit gegenüber dem geschlagenen Frankreich oder aus persönlichem Stolz, der sich nichts vergeben will. Daß der Sultan damals Frankreich nicht in den Rücken fiel und die aus Berlin eingetroffenen "Beobachter" hinderte, sich in die Angelegenheiten der scherifischen Regierung zu mischen, liegt aber wohl vor allem an der nüchternen Klugheit dieses Monarchen. Achtzig Prozent seiner Untertanen waren rückständige Bauern, befangen gegenüber der Disziplin methodischer Produktion, er verfügte nicht über genügend eingeborene Techniker. Drei Jahrhunderte hindurch hatten die Marokkaner mit der Entwicklung der Europäer nicht Schritt gehalten. Wie sollte ein solches Volk eine lediglich dank der Gunst des Augenblicks wiedergewonnene Selbständigkeit sichern können? Er brauchte ja nur einen Gang in die Garage und die Reparaturwerkstatt seines Palastes zu machen, um gewarnt zu sein: Seit dem Jahre 1922 betreute dort ein Monsieur Marty die königlichen Automobile und in den vielen Jahren hatte man diesen Fachmann des Motors noch nicht durch einen Marokkaner ersetzen können; Marokko konnte 1940 noch nicht auf die Fremden verzichten: seine Untertanen konsumierten nur von anderen gemachte Erfindungen, machten aber selber keine – noch nicht...

Mohammed der Fünfte hatte aber erwartet, daß Paris ihm schneller und reicher für seine Treue in den schweren Tagen danken und die Ehe Frankreich-Marokko lösen und zu einer lockeren Freundschaft machen würde. Denn das Verhältnis der beiden Staaten ist durchaus das einer festgeschmiedeten Ehe.

Es gibt heute dank dem Ausbau der von Lyauthey geschaffenen administrativen und politischen Grundlagen einen marokkanischen Staat. Dessen Beziehungen zu Frankreich sind in einem Abkommen geregelt, das äußerst günstig für die Finanzen des scherifischen Reiches ist, denn alles, was die französische Verwaltung anlegt und aufbaut: Straßen, Brücken, gehört automatisch den Marokkanern. Seit 1947 meldet Mohammed der Fünfte in regelmäßigen Abständen immer neue Ansprüche auf Erweiterung der scherifischen und Schmälerung der französischen Rechte an. Da der Resident laut den bestehenden Staatsverträgen in allen wichtigen Angelegenheiten der Verwaltung so wenig ohne die Zustimmung des Sultans handeln kann wie dieser ohne die des Residenten, besitzt Mohammed der Fünfte ein einfaches Mittel, um seinen Wünschen Druck zu verleihen: er tritt in den Unterschriftenstreik und geht auf die Jagd oder fährt in die fernen Provinzen des Südens. Dann kann die "Residenz" nicht verwalten. In der letzten Zeit hat man sooft und jedesmal so lange auf die Gegensignaturen des Sultans warten müssen, daß der derzeitige Resident, General Juin, seinem königlichen Gegenspieler vorschlug, die bestehenden Wünsche doch selber in Paris vorzubringen. Der Sultan war einverstanden und ließ sich vom Präsidenten Auriol zum Staatsbesuch einladen.

Mohammed der Fünfte und die Damen von Paris

Die Verhandlungen werden schwierig Sein; der Sultan bleibt, nachdem er Einige Tage als der von morgens bis abends gefeierte Staatsgast unter dem Dach des Präsidenten Auriol im Elysee-Palais gewohnt hat, inkognito bis zum November in Frankreich. Die Damen der Pariser Gesellschaft aber interessierte mehr als die politischen Verhandlungen die Frage, ob man sie zu den Empfängen zuziehen werde – denn an islamischen Höfen ist die Gegenwart von Frauen bei offiziellen Veranstaltungen untersagt. Groß war zunächst die Erleichterung, als den ungeduldigen Gattinnen der Offiziellen endlich berichtet wurde, daß die scherifische Majestät geruhe, die Gewohnheiten seiner Gastgeber zu respektieren und unter Hintansetzung der Vorschriften des Korans persönliche Notiz nehmen werde von der Existenz der Gemahlin des Präsidenten Auriol und der greisen Witwe des Marschalls Lyauthey. Die andern Damen aber erhielten Anweisung, bei den Empfängen dem Monarchen nur von weitem und in gemessener, diskreter Weise die bei Hofe übliche Reverenz zu erweisen. Es wurde betont, daß nichts den Sultan so sehr irritiere, wie eine sich ihm entgegenstreckende Frauenhand.

Das Wort Barbar ward nicht ausgesprochen, kochte aber auf den Zungen, und niemand nahm teil an den Sorgen der so bevorzugten Madame Auriol. Auf diese fiel die Hauptlast des Besuchs: Die Bilder von van Gogh, die man in Elyseepalais zu Ehren des letzten Gastes, der Königin Juliana, in dem Fremdenappartement des ersten Stocks aufgehängt hatte, mußten schleunigst verschwinden, denn nie darf das Auge des Mohammedaners auf eine künstlerische Darstellung der menschlichen Gestalt fallen. Man ersetzte sie durch Landschaften und Statuetten von Pferden. Für die Küche des Elysees mußten neue Kochgeschirre gekauft werden, dürfen die Söhne des Propheten doch nichts essen, was in Töpfen zubereitet ist, die in Berührung mit Speisen der Ungläubigen gewesen sind. Ein anderes Problem war die Beschaffung von genügend Orangensaft und Mandelmilch als Tischgetränk für den Sultan und dessen so großes Gefolge, denn Allah hat es verboten, Alkoholisches zu genießen, wie er auch das Tanzen untersagt hat, weshalb es schließlich keinen Staatsball gab ... Und um die Enttäuschung voll zu machen, tat der Sultan den Pariser Damen ein Letztes an: Listig ließ er die Sultanin in aller Heimlichkeit nachkommen und sogleich in eine Villa am Bois bringen, deren Park ummauert und von schwarzen Dienern bewacht ist, von denen man nicht einmal weiß, ob sie Eunuchen sind. Bisher hat sie der Gesellschaft noch kein Lebenszeichen gegeben und man vermutet, daß er es ihr verboten hat. Dies erbittert um so mehr, als man weiß, daß der Sultan seine Töchter, die hier noch erwartet werden, viel großzügiger behandelt. Diese dürfen in europäischen Kostümen ausgehen, reiten, das Kino besuchen und die so wenig konservativen Gedichte ihres französischen Lieblingsautors Prévert lesen.

Welch ein Glück für den Frieden der Welt, daß der Außenminister Schuman unbeweibt ist! Es ist nicht vorzustellen, was geschehen könnte, gäbe es eine Madame Schuman, die nicht mehr schlafen würde, weil man einem so ungalanten Manne wie dem Sultan politische Konzessionen macht. Denn dies wird geschehen.