Die Verhandlungen werden schwierig Sein; der Sultan bleibt, nachdem er Einige Tage als der von morgens bis abends gefeierte Staatsgast unter dem Dach des Präsidenten Auriol im Elysee-Palais gewohnt hat, inkognito bis zum November in Frankreich. Die Damen der Pariser Gesellschaft aber interessierte mehr als die politischen Verhandlungen die Frage, ob man sie zu den Empfängen zuziehen werde – denn an islamischen Höfen ist die Gegenwart von Frauen bei offiziellen Veranstaltungen untersagt. Groß war zunächst die Erleichterung, als den ungeduldigen Gattinnen der Offiziellen endlich berichtet wurde, daß die scherifische Majestät geruhe, die Gewohnheiten seiner Gastgeber zu respektieren und unter Hintansetzung der Vorschriften des Korans persönliche Notiz nehmen werde von der Existenz der Gemahlin des Präsidenten Auriol und der greisen Witwe des Marschalls Lyauthey. Die andern Damen aber erhielten Anweisung, bei den Empfängen dem Monarchen nur von weitem und in gemessener, diskreter Weise die bei Hofe übliche Reverenz zu erweisen. Es wurde betont, daß nichts den Sultan so sehr irritiere, wie eine sich ihm entgegenstreckende Frauenhand.

Das Wort Barbar ward nicht ausgesprochen, kochte aber auf den Zungen, und niemand nahm teil an den Sorgen der so bevorzugten Madame Auriol. Auf diese fiel die Hauptlast des Besuchs: Die Bilder von van Gogh, die man in Elyseepalais zu Ehren des letzten Gastes, der Königin Juliana, in dem Fremdenappartement des ersten Stocks aufgehängt hatte, mußten schleunigst verschwinden, denn nie darf das Auge des Mohammedaners auf eine künstlerische Darstellung der menschlichen Gestalt fallen. Man ersetzte sie durch Landschaften und Statuetten von Pferden. Für die Küche des Elysees mußten neue Kochgeschirre gekauft werden, dürfen die Söhne des Propheten doch nichts essen, was in Töpfen zubereitet ist, die in Berührung mit Speisen der Ungläubigen gewesen sind. Ein anderes Problem war die Beschaffung von genügend Orangensaft und Mandelmilch als Tischgetränk für den Sultan und dessen so großes Gefolge, denn Allah hat es verboten, Alkoholisches zu genießen, wie er auch das Tanzen untersagt hat, weshalb es schließlich keinen Staatsball gab ... Und um die Enttäuschung voll zu machen, tat der Sultan den Pariser Damen ein Letztes an: Listig ließ er die Sultanin in aller Heimlichkeit nachkommen und sogleich in eine Villa am Bois bringen, deren Park ummauert und von schwarzen Dienern bewacht ist, von denen man nicht einmal weiß, ob sie Eunuchen sind. Bisher hat sie der Gesellschaft noch kein Lebenszeichen gegeben und man vermutet, daß er es ihr verboten hat. Dies erbittert um so mehr, als man weiß, daß der Sultan seine Töchter, die hier noch erwartet werden, viel großzügiger behandelt. Diese dürfen in europäischen Kostümen ausgehen, reiten, das Kino besuchen und die so wenig konservativen Gedichte ihres französischen Lieblingsautors Prévert lesen.

Welch ein Glück für den Frieden der Welt, daß der Außenminister Schuman unbeweibt ist! Es ist nicht vorzustellen, was geschehen könnte, gäbe es eine Madame Schuman, die nicht mehr schlafen würde, weil man einem so ungalanten Manne wie dem Sultan politische Konzessionen macht. Denn dies wird geschehen.