Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Oktober

Einer der Festakte zum fünfjährigen Bestehen der UNO, gewiß nicht der unwichtigste, fand am 24. Oktober in Berlin statt. An diesem Tage wurde über Berlin die Flagge der Vereinten Nationen aufgezogen: Bundeskanzler Dr. Adenauer, Mitglieder der Bundesregierung, der Bundestagspräsident und die Ministerpräsidenten der deutschen Länder waren dabei. Das machte den Akt vor dem Schöneberger Rathaus zu einer gesamtdeutschen Veranstaltung. Doch Deutschland war nicht mit sich allein. Es wurde an diesem Tage mit der Wahl des Veranstaltungsortes von der Welt ausgezeichnet. Die Freiheitsglocke, in den Vereinigten Staaten erdacht, in England gegossen, wurde um die Mittagsstunde des 24. Oktober von General Clay im Schöneberger Rathausturm eingeläutet. Der General, der eine wesentliche Phase des Kampfes um Berlin und die Zuspitzung der Ost-West-Spannungen als Gouverneur von Deutschland unmittelbar handelnd erlebt hatte, war der Initiator des "Kreuzzuges für die Freiheit", der mit dem Geläut der Freiheitsglocke von Berlin aus eröffnet worden ist.

Die Stadt Berlin als Ort und der 24. Oktober als Termin wurden von General Clay gewählt, bevor die Vereinten Nationen durch Korea und die folgenden Entwicklungen sich sichtbar zu wirklicher Weltautorität erhoben haben. So kam. dem Berliner Festtag stärker als vorher abzusehen war der Charakter eines UNO-Festes zu; Berlins Bedeutung als des einzigen Platzes auf der Erde, der sich hinter dem Eisernen Vorhang die Freiheit erkämpft und erhalten hat, verband sich an diesem Tage mit der Aufgabe der Vereinten Nationen, die Menschenrechte der Völker und Staaten zu sichern.

Deutschland ist kein Mitglied der UNO. Aber die Flagge der Vereinten Nationen wehte zur fünften Wiederkehr des Tages, an dem sich die UNO-Charta das Ziel gesetzt hatte, ein Instrument der Freiheits- und Friedenssicherung unter den Völkern zu sein, über der wahren Hauptstadt Deutschlands. Die europäischen Botschafter und Gesandten der USA und die in Bonn akkreditierten Diplomaten der Welt, die mit den alliierten Oberkommissaren zusammen in Berlin dem Einläuten der Freiheitsglocke beiwohnten, waren nicht Zuschauer eines leeren Zeremoniells. Die Umgebung dieser Stadt, aus der heraus in einer Radio-Weltsendung die Glocke mit der Inschrift Lincolns tönte: "Auf daß die Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erlebe", ist ein Anschauungsunterricht für die Probleme, die die Vereinten. Nationen einmal lösen müssen, wenn für einen großen Teil der Menschen Freiheit nicht immer ein leeres Wort bleiben soll.

So war dieser Tag ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, daß der in Berlin begonnene Kampf Deutschlands um seine Freiheit von dem Kampf der Vereinten Nationen zur Sicherung der Freiheit und des Friedens in der Welt nicht zu trennen ist. – Da gerade vorher der Bundestag mit dem Kriegsopfergesetz zum ersten Male in ein wichtiges Gesetz auch gleichzeitig Berlin eingeschlossen hatte, konnte sich die Bundesregierung am 24. Oktober in Berlin wirklich wie in der deutschen Hauptstadt – und nicht nur wie auf einem Vorposten fühlen. Die Feier des 24. Oktober in Berlin, die zum ersten Male die Stadt zum Anlaß eines politischen Aktes von weltumspannender Bedeutung gemacht hatte, zeigte klar, daß die Offensive der Freiheit, in Berlin begonnen, ein gutes Stück vorangekommen ist.