Es war der erste gesamtdeutsche Parteitag, den die CDU in Goslar abhielt. Niveau und Lebendigkeit der Reden von Adenauer, Erhard, Gockeln, Brentano und anderen machten der Partei, die auf keine lange Tradition zurückblicken kann, alle Ehre.

Adenauer, der erneut erklärte, daß die Frage deutscher Truppenkontingente natürlich nur vom Bundestag entschieden werden könne, wandte sich sehr scharf gegen Niemöllers Äußerungen. Wie auch Professor Erhard so betonte der Kanzler, daß die New Yorker Sicherheitsgarantie neue Lasten für die Bundesrepublik bringen werde, aber daß auch eine kostspielige Sicherheit besser sei als Kampf und Zerstörung. Mit allem Nachdruck wies Adenauer noch einmal auf die Bedeutung des Schuman-Planes und auf das Interesse Deutschlands an seinem baldigen Zustandekommen hin und hat damit hoffentlich den verheerenden Eindruck wieder verwischt, den die in München gehaltene Rede Lehrs hervorgerufen hatte.

Durchaus programmatisch war die Stellungnahme des Wirtschaftsministers, der noch einmal die Grundlagen der westdeutschen Wirtschaftspolitik im Lichte der angelaufenen Weltkonjunktur umriß. Erhard setzte sich mit aller Verve für die Erhaltung der Marktwirtschaft ein, betonte aber, daß nach Lage der Dinge gewisse Lenkungsmaßnahmen unvermeidlich seien, denn dort, wo einzelne Grundstoffe, wie Kohle, knapp würden, könnten die Gesetze des Marktes nicht mehr wirksam sein. So sei es auch, notwendig, eine Lenkung der Investitionen vorzunehmen, weil die Wirtschaft angesichts des plötzlichen booms einfach hysterisch geworden sei und Auftragsbestände bis zu drei Jahren hereingenommen habe. Andererseits habe die Wirtschaft, offenbar angeregt durch die Gerüchte über eine eventuelle Aufwertung des Pfundes, allein im Monat September Exporterlöse in Höhe von 200 Millionen Dollar geflissentlich draußen stehen lassen und dadurch den Zustrom an Devisen plötzlich und empfindlich beeinträchtigt. Erhard sagte, er werde die stärksten Strafen anwenden, um eine marktwirtschafliche Disziplin zu erzwingen.

Ohne jede Retusche war das Bild, das der Wirtschaftsminister von den steigenden Anforderungen für unseren Beitrag zur europäischen Verteidigung entwarf. Er ließ keinen Zweifel darüber, daß die Verteidigungskosten aus dem öffentlichen Haushalt durch Anziehen der Steuerschraube gedeckt werden würden, und nicht durch irgendwelche inflationistische Finanzmanipulationen. Sein Hinweis auf, die ungeheure Steuerlast, die der amerikanische Bürger zu tragen habe, um die vielen Löcher rund um den Erdball zu stopfen, ließen jeden Widerspruch gegen zusätzliche Opfer, als gewiß fehl am Platze, verstummen. D.