Von Christian E. Lewalter

"Die gegenwärtige Krisis der Kirche rührt von der Illusion her, die allen Kirchen gemeinsam ist, daß eine von ihnen ohne die andere gerettet werden könnte."

Pater Nikolaj Welimirowitsch,

"L’agonie de l’Eglise".

Am 3. September ist ein Papst dieses Jahrhunderts seliggesprochen worden: Pius X., in dessen Pontifikat (1903–1914) der Streit der Kurie mit den Modernisten fiel. "Im Kampf gegen den Modernismus, dieses Sammelbecken aller Häresien", sagt das Seligsprechungsdekret, "deckte er klug das Gift mit seiner hinterhältigen und versteckten Wirkung auf; er verurteilte ihn und blieb siegreich, und so ging die Kirche unversehrt aus dieser gefährlichen Häresie hervor."

Das "Gift" des Modernismus von damals war die Bibelkritik; die Modernisten, geführt durch den französischen Neutestamentler Loisy, verfochten die Vereinbarkeit strenger historischer Forschung und echter Katholizität. Sie unterlagen im Vatikan und wurden, da sie sich den Vorschriften Pius’ X. nicht fügten, exkommuniziert. Ja, die Kurie legte allen Priestern einen besonderen Eid auf, in dem sie jede Zustimmung zu den Thesen der Verurteilten von sich zu weisen hatten: den "Modernisten-Eid". Dessen Verweigerung brachte Verlust der priesterlichen Würde und Ausstoßung aus der Kirche.

Die zeitliche Nähe der Seligsprechung Pius’ X. zu der Enzyklika "Humani generis" vom 12. August war gewiß nicht unabsichtlich. Denn in diesem Rundschreiben an alle Bischöfe und Ordensgenerale hat Papst Pius XII. Worte ernster Warnung ausgesprochen vor "falschen Ansichten, die die Grundlagen der katholischen Lehre zu untergraben drohen" – also vor einem Modernismus von 1950 als einer Gefahr für die innere Geschlossenheit der katholischen Kirche, und er hat nicht lange danach, am 23. September, in seiner Adhortatio ad Universum Clerum diese Warnung von der falschen Lehre auf die falsche Praxis ausgedehnt.

Die Bibelkritik steht jetzt nicht mehr im Brennpunkt der Differenzen. Nur noch die "allzu große Freiheit" in der Erklärung des Alten Testaments durch französische Theologen wird in einem kurzen Abschnitt der neuen Enzyklika zurechtgewiesen. Das Verfängliche lauert 1950 nicht mehr in der Historie, sondern in der Philosophie und im praktischen Leben.

Das abendländische Philosophieren unserer Tage hat seine eigentümliche Unruhe – innerhalb und außerhalb des katholischen Bannkreises – durch die Fernwirkungen Kierkegaards und Nietzsches, die Nachwirkungen Bergsons, Husserls und Schepers und die unmittelbaren Einwirkungen Heideggers, Berdjajews und Sartres. Das Kennwort "Existentialismus" bezeichnet diese Unruhe einigermaßen vage, aber doch deutlich genug, um die radikale Wendung gegen die idealistischen, die exakt-wissenschaftlichen und die spekulativen Entwürfe des Philosophierens um 1900 erkennbar zu machen. Deutlich genug auch, um dem Verfasser der Enzyklika "Humani generis" zur Benennung der Hauptgefahr zu dienen, die der katholischen Lehre von innen her drohen.

Von innen. Denn das päpstliche Rundschreiben richtet sich nicht so sehr gegen den Existentialismus im allgemeinen als den hervorstechendsten "Irrtum der neueren Philosophie", als vielmehr gegen den "christlichen Existentialismus", den, erweckt von Kierkegaard, bedeutende und weithin angesehene katholische Denker in Frankreich, Deutschland und Amerika entwickelt haben Gerade er, der sich mit dem Bekenntnis zur Kirche für vereinbar hält und (in den Formen etwa, die ihm Theodor Haecker und Gabriel Marcel gegeben haben) werbende Kraft für den Katholizismus entfaltet hat – gerade er ist die modernistische Häresie von 1950.

Er ist es – nach den Worten der Enzyklika –, weil er in dem Bestreben, "den Zwiespalt und die Verirrung der Geister", also die Entfremdung von der christlichen Religion, zu überwinden, "sich von einem unklugen Eifer treiben läßt und in unüberlegter Begierde brennt, die Umzäunungen zu entfernen, durch die gute und aufrechte Menschen voneinander getrennt sind". Mit anderen Worten: weil er im Gespräch mit den Nichtgläubigen und den nichtkatholischen Christen dazu neigt, das allen heutigen Christen Gemeinsame stärker zu betonen als die Scheidelinie zwischen der katholischen Kirche und den anderen Kirchen. Weil er also einen "Irenismus" darstellt, eine friedfertige, unrigorose Haltung in allen Fragen der Lehre, den theologischen und den philosophischen.

Eine an Zahl nicht geringe, an Intensität des Denkens und Redlichkeit des Mühens kaum übertreffbare, in der Ausstrahlung auf außerkirchliche Schichten mannigfach bewährte Gruppe von katholischen Ordensgeistlichen, Theologen, Philosophieprofessoren, Laienschriftstellern und Lehrern wird damit des Versuches der Aufweichung der kirchlichen Glaubenssubstanz bezichtigt. Ei wird ihr zum Vorwurf gemacht, sie halte es "für durchaus notwendig, daß die Theologie entsprechend den verschiedenen Philosophien, derer sie sich im Laufe der Zeit als Instrument bediente, neue Begriffe an die Stelle der alten setze so daß sie auf verschiedene Weise, die unter sich sogar in gewissem Sinn in Widerspruch stehen, aber, wie sie sagen, das gleiche bedeuten, die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art ausdrücken".

Und in der Tat: wer mit Kierkegaards Kategorie der "indirekten Mitteilung", der Unaussprechbarkeit der religiösen Wahrheit in rationalen Sätzen, ernst macht (und eben dies tun die "christlichen Existentialisten"), der kann der geltenden Lehre, daß Thomas von Aquins System in seinem Wortlaut dauernde Bindekraft für das katholische Denken habe, weil es "philosophia perennis", erreichte Wahrheit sei, nicht ebenso ernstlich zustimmen. Er muß für die Bearbeitung der philosophischen wie der theologischen Problematik für sich die Freiheit zu irren in Anspruch nehmen, die aus dem Prinzip der religiösen Existenz folgt, und muß bestreiten, daß es außerhalb der Sphäre des in Christus Geoffenbarten irgendeiner Instanz zustehe, die Bahn des Denkens zu fixieren.

Die Enzyklika spricht in diesem Kardinalpunkt eine Sachlage an, die durch die Impulse des "renouveau catholique" in Frankreich und der entsprechenden Bewegungen in anderen Ländern den am meisten Beteiligten verschleiert war. Und sie antwortet auf diese Sachlage mit einer Rigorosität, die keinen Zweifel darüber aufkommen läßt, wie weit in Zukunft die Schranken vorgeschoben werden sollen, die die individuelle Lehrfreiheit des Katholiken, Priesters wie Laien, einengen.

Denn eben um die Lehrfreiheit gehen im Grunde die Differenzen zwischen der Kurie und den neuen Modernisten. Diese sind ja sogar, wie die Enzyklika "Humani generis" ausführlich erörtert, der Meinung, päpstliche Enzykliken hätten, da sie nicht das Dogma betreffen, keine verbindliche Kraft. "Sie sind aber doch", sagt Papst Pius XII., "Äußerungen des ordentlichen Lehramts, von dem auch das Wort Christi gilt: ‚Wer euch hört, der hört mich.‘ " Und: "Wenn die Päpste in ihren Akten ein Urteil über eine bislang umstrittene Frage aussprechen, dann ist es für alle klar, daß diese nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr der freien Erörterung der Theologen unterliegen kann."

Dogma und Kirchenrecht waren bisher die unstrittigen Domänen kurialer Entscheidung. Durch die Enzyklika "Humani generis" wird prinzipiell zum erstenmal der Bereich der päpstlichen Alleinkompetenz auf die gesamte Theologie und Philosophie, ausgedehnt.

Aber der alte Satz "Roma locuta, causa finita" hat die katholische Erneuerungsbewegung noch von einer anderen Seite getroffen: Durch den Spruch Roms scheint nicht nur die Sache des "christlichen Existentialismus" verloren, sondern auch die besonders in Frankreich und Amerika seit dem letzten Kriege mit fast urchristlicher Vehemenz aufgeflammte Bewegung der inneren Mission, deren Träger ihre ganze Arbeitskraft darauf richten, das Evangelium und die Segnungen der Sakramente in die gefährdeten, aber noch ansprechbaren Schichten zu bringen – zu den Arbeitern der Vorstädte und Industriezentren, zu der jungen Generation aller sozialen Lager. Ihnen gegenüber fällt in der Adhortatio vom 23. September das gleiche Wort, das in der Enzyklika vom 12. August die Unzuverlässigkeit der christlichen Existentialisten bezeichnete: das Wort "Ketzer".

Denn ein Ketzer ist nicht nur, wer von der Richtschnur der Lehre abweicht, sondern auch, wer die für einen katholischen Priester vorgeschriebene Lebensordnung mit ihren Exerzitien, Andachtsübungen und Gebeten zugunsten einer der Ausbreitung der Kirche geltenden rastlosen Aktivität unter den Ungläubigen vernachlässigt. Und die "Ketzer der Aktion" werden nicht gelinder an ihre Gehorsamspflicht erinnert als die Ketzer der Doktrin.