Denn eben um die Lehrfreiheit gehen im Grunde die Differenzen zwischen der Kurie und den neuen Modernisten. Diese sind ja sogar, wie die Enzyklika "Humani generis" ausführlich erörtert, der Meinung, päpstliche Enzykliken hätten, da sie nicht das Dogma betreffen, keine verbindliche Kraft. "Sie sind aber doch", sagt Papst Pius XII., "Äußerungen des ordentlichen Lehramts, von dem auch das Wort Christi gilt: ‚Wer euch hört, der hört mich.‘ " Und: "Wenn die Päpste in ihren Akten ein Urteil über eine bislang umstrittene Frage aussprechen, dann ist es für alle klar, daß diese nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr der freien Erörterung der Theologen unterliegen kann."

Dogma und Kirchenrecht waren bisher die unstrittigen Domänen kurialer Entscheidung. Durch die Enzyklika "Humani generis" wird prinzipiell zum erstenmal der Bereich der päpstlichen Alleinkompetenz auf die gesamte Theologie und Philosophie, ausgedehnt.

Aber der alte Satz "Roma locuta, causa finita" hat die katholische Erneuerungsbewegung noch von einer anderen Seite getroffen: Durch den Spruch Roms scheint nicht nur die Sache des "christlichen Existentialismus" verloren, sondern auch die besonders in Frankreich und Amerika seit dem letzten Kriege mit fast urchristlicher Vehemenz aufgeflammte Bewegung der inneren Mission, deren Träger ihre ganze Arbeitskraft darauf richten, das Evangelium und die Segnungen der Sakramente in die gefährdeten, aber noch ansprechbaren Schichten zu bringen – zu den Arbeitern der Vorstädte und Industriezentren, zu der jungen Generation aller sozialen Lager. Ihnen gegenüber fällt in der Adhortatio vom 23. September das gleiche Wort, das in der Enzyklika vom 12. August die Unzuverlässigkeit der christlichen Existentialisten bezeichnete: das Wort "Ketzer".

Denn ein Ketzer ist nicht nur, wer von der Richtschnur der Lehre abweicht, sondern auch, wer die für einen katholischen Priester vorgeschriebene Lebensordnung mit ihren Exerzitien, Andachtsübungen und Gebeten zugunsten einer der Ausbreitung der Kirche geltenden rastlosen Aktivität unter den Ungläubigen vernachlässigt. Und die "Ketzer der Aktion" werden nicht gelinder an ihre Gehorsamspflicht erinnert als die Ketzer der Doktrin.