Von Hermann Dannecker

Hell und dem Licht entgegengebaut sind die Häuser, die auf Hunderten von großformatigen Tafeln in Photos und Plänen und auch in einigen Modellen in der großen, von Stuttgart nun nach Hamburg gekommenen Wanderausstellung "Moderne Architektur der USA seit 1947" gezeigt werden. Das, was in den zwanziger Jahren – nicht zuletzt vom Bauhaus – in der Theorie und in Experimenten entwickelt wurde, ist in den USA heute in zahlreichen Beispielen verwirklicht. Das vielumstrittene "neue Bauen" hat sich damit in der Praxis durchgesetzt und offensichtlich bereits bewährt. Nur selten wird noch in überzogenem, dann gerade nicht mehr sachlichem Modernismus, in bizarr blinkenden, "gewollten" Materialien und Formen experimentiert. Die Fülle und die Verschiedenartigkeit der gelungenen Beispiele ist das, was an dieser Ausstellung fasziniert. Die Uniformität, die dem "neuen Bauen" sooft vorgeworfen wurdie, ist überwunden.

In den Wohnbauten wird die Natur, die umgebende Landschaft unmittelbar einbezogen. Am Rande der Städte bevorzugt man die einstöckige, auf Fassadenwirkung verzichtende Anlage. Die Großzügigkeit des Grundrisses, auch bei einfachen Wohnhäusern, begeistert uns eingepferchte Mitteleuropäer, Dabei sind es meist nur einige um einen festen Installationskern geordnete Räume mit eingebauten Schränken und wenigen beweglichen Möbeln. Bisweilen lassen sich die Zimmer durch versetzbare Wände variieren. Die Außenwände werden vorwiegend in Glas gehalten. Im Eigenheim des Architekten Philip C. Johnson ist dieses Prinzip auf die Spitze getrieben: das "Glashaus" besteht nur aus einem großen Raum, der durch Schränke, durch auf Staffeleien gestellte Bilder und Plastiken unterteilt wird und mit Polstersesseln aus Stahl ausgestattet ist. Die Wohnungen und das Farmhaus des Architekten Pietro Belluschi, der in Verwaltungs- und Geschäftsbauten betont sachlich ist, strahlen durch reiche Verwendung schönen Holzes für Möbel, Decken und Wände natürliche Wärme aus. Manchmal wirken die luxuriös ausgestalteten weiten Räume allerdings unpersönlich wie eine elegante Ausstellung, so das Wohnhaus am Seeufer in Los Angeles von Richard J. Neutra, obwohl gerade dieser hervorragende Architekt sonst besonders reizvolle und auch einfach natürliche Wohnhauslösungen schafft.

Wenn irgend möglich, werden bei diesem modernen Wohnungsbau die berühmten vier Wände gesprengt. Nicht nur Balkone und Terrassen führen ins Freie, sondern Wohngärten beziehen die Natur selbst ein. Sie finden sich heute in Amerika nicht nur bei alleinstehenden Wohn- und Wochenendhäusern, sondern auch bei den Reihenbauten der Apartmenthäuser. So gehört bei den Apartments von Kenneth N. Lind in Santa Monica, Kalifornien, zu jeder Wohneinheit ein eigener, von schmückenden Bretterwänden umzäunter Gartenhof, der durch verschiebbare Glasfenster mit dem Wohnraum verbunden werden kann. Auch bei den Elkay-Apartments von Neutra in Westwood gehört zu jeder Wohnung ein Freiluftraum. Die Wohnhochhäuser sind wie die Wolkenkratzer selten geworden. Baut man sie doch noch, dann wird auch hier besonderer Wert auf große Fensterflächen und Balkone gelegt, wie es das zweiundzwanzigstöckige Manhattan-House in der City von New York mit seinen 600 Luxusapartments beweist.

Die zwei durch Mies van der Rohe in Zusammenarbeit mit einigen anderen Architekten entworfenen Wohnhochhäuser für das Seeufer von Chikago bestehen zwischen der Stahlskelettkonstruktion sogar nur aus Glasflächen. Hier wird die Gefahr der Eintönigkeit in der Außenform allerdings sehr deutlich.

Die Auflockerung der Gesamtauflage und der vorherrschende Zug zum breit hingelagerten horizontalen Bauen kennzeichnen auch die Bauten für technische und kommerzielle Zwecke. Das Institute of Technology in Chikago von Mies van der Rohe etwa ist ein Beispiel dafür: Der Außenbau ist einfach und klar in viele Fenster aufgegliedert; breite Rasenflächen mit Bäumen sind zwischen die einzelnen Gebäude gelegt. Ein sachlich schmuckloser Bau mit klarer Struktur ist auch das Verwaltungsgebäude einer Lebensversicherung in Portland, gebaut von Belluschi. Durch Glaswände wird auch hier dem natürlichen Licht möglichst viel Zutritt gewährt. Eine eigenartige Verbindung zweier Bauaufgaben stellt das Terrace Plaza Hotel in Cincinnati dar, das in den bis auf das Erdgeschoß fensterlosen sieben unteren Stockwerken ein Warenhaus beherbergt und erst in den zehn oberen zum Hotel wird. Ähnlich zyklopische Formen weist das weit niederere, gleichfalls bis auf das Untergeschoß nahezu fensterlose Warenhaus in Clayton auf. An den beiden Warenhäusern wird das für die meisten dieser modernen Bauten charakteristische künstlerische Problem besonders deutlich: daß für die zweckgerechte Lösung einer Aufgabe oft noch nicht die ebenso zwingende Form gefunden ist. Was an dieser Suche nach der Form aber so angenehm berührt, ist der Verzicht auf historizistische Formelemente und der Rückgriff auf die räumlichen Grundformen, den Kubus zumal.

Die Tendenz zur Auflockerung bestimmt erst recht die großzügige Stadtplanung. Zwischen den Wohnblöcken und Geschäftshäusern in den Stadtzentren werden Grün- und Parkflächen angelegt. Vor allem aber werden die Riesenstädte aufgelöst in abgeschlossene, in sich wieder zentrierte Viertel. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist das Fresh Meadows Wohnungsbau-Programm in Borough of Queens, fünfzig Minuten von der Stadtmitte New Yorks entfernt. Grünflächen und Spielplätze, legen sich zwischen die drei Einkaufszentren und die dreistöckigen Apartments- und die zweistöckigen Reihenhäuser und geben der Anlage einen parkartigen Charakter.