Am 29. Oktober feiert der Dichter Otto Flake seinen 70. Geburtstag.

Als Flake in Colmar zur Schule ging (in Metz ist er 1880 geboren), war Bismarck noch am Ruder, in Paris traten die Boulangisten eben ab, in London regierte die Queen. Die Älteren erzählten vom Zweiten Kaiserreich, von Anno 66 und vom Krimkrieg, und die ganz Alten wußten sich noch an den Tod des großen Korsen zu erinnern. Die Jahrhundertbühne war ein überschaubarer Raum und nicht, wie die unsere, ein wild zerrissenes Geklüft. Als das Jahr 1914 kam, war Flake vierunddreißig Jahre alt. Ein fertiger Mensch im Sinne der alten, der ,gediegenen‘ Ansprüche, und doch jung genug für jede Zukunft. Welch eine Vorgabe gegenüber den Späteren, der Generation, die man (mit einem Wort aus Amerika) die verlorene nennt.

Das alles ist als Niederschlag in seine Feder eingeflossen. Ein umfängliches essayistisches Werk, an den laufenden Mühlen der Zeit notiert, und eine Vielzahl von Romanen zeugen davon. Was an Weltgehalt darin verarbeitet ist, gibt diesem Oeuvre eine Sonderstellung in unserer Literatur. Dennoch ist es, bei Hunderttausenden von zustimmenden Lesern, nie eigentlich in die Mitte gerückt. Es gibt Autoren, die (um es einmal so zu sagen) mit dem Leser gemeinsame Sache machen. Dazu gehört Flake nicht. Er hält Distanz. Man kann das Kühle nennen, hat es auch wohl so genannt, und die Vertraulichkeit vermissen, das In-den-Arm-genommen-werden. Man kann aber auch, wo diese Art sich mit einer unerschöpflichen Gestaltenphantasie verbindet, von wahrer Epik sprechen, der Form, die dem großen Roman angemessen ist.

Flakes Stil, der innere und der äußere, hat im "Fortunat" seinen Gipfel erreicht. Der Roman, im letzten Krieg entstanden und von ihm an die Öffentlichkeit gebracht, vier starke Bände, ist in dem Grade exemplarisch, daß ein Blick darauf uns fruchtbarer erscheint als die fällige Analyse des Lebenswerks. Die Hauptperson in diesem Buche ist die Welt, ohne die wir in unsern Konflikten unverständlich wären: das neunzehnte Jahrhundert.

Dies Jahrhundert geschieht vor uns, indem ein Mann, ein Arzt nach seinem Beruf, es erlebt und besteht; einer, der an den Grenzen geboren ist, in jenem lichten Winkel, wo Französisches und Deutsches einander durchdringen. Sein Leben ist es, an dem sich das Jahrhundert für um ordnen, in seiner Vielgestalt transparent werden soll.

Die Literaturpfleger allerorten rufen heute nach dem Zeitroman. Der Zeitroman aber ist dort, wo ein Autor "seine Zeit besitzt". Seine jeweilige Zeit und die, aus der sie gekommen ist. Denn wo eigentlich beginnt sie, die Gegenwart?

Hans Nowak