Wenn ein beliebter Künstler merkt, daß es Zeit ist, lieber von der Öffentlichkeit Abschied zu nehmen, als abzuwarten, bis man es ihm nahelegt, so kündigt er ein Auftreten "zum letzen Male" an. Wenn ein erfolgreiches Stück lange genug die Kassen gefüllt hat und der Einnahmesegen erloschen ist, erscheint auf dem Theaterzettel als letzter Anreiz dieselbe Formel. In besonderen Fällen erlebt man Wiederholungen solcher Abgangsfeiern mit den Steigerungen: "Unwiderruflich letztes Auftreten" oder "Unwiderruflich letzte Vorstellung". Letzt, letzter, am letztesten war einmal ein äußerst beliebter Geschäftstrick, mit dem sich mancher gealterte Liebling des Publikums noch eine ganze Weile im Sattel hielt.

Dieses Spiel ist etwas aus der Mode gekommen. Das heißt, man hat es der Abwechslung halber umgedreht. Heute, wo die langlebigen Erscheinungen rar geworden sind, ist mit "letzten" Auftritten oder Vorstellungen nicht mehr viel Staat zu machen. Dafür um so mehr mit den ersten, zumal diese immer häufiger mit den letzten identisch sind. Infolgedessen ist das Erstlingsereignis gewaltig im Kurs gestiegen. Es gibt Welt-, europäische, deutsche und hessische Uraufführungen. Eine Aufführung kann also heute ur-, urer und am ursten sein, und nichts stände im Wege, eine Premiere "zum widerruflich ersten Male" anzukündigen. In diesem Sinne lesen wir unter den "Kulturnotizen" einer bekannten Tageszeitung: "Darius Milhauds Oper Christoph Columbus gelangt am kommenden Sonnabend in Köln erstmals wieder in Deutschland zur Uraufführung." Das Werk ist etwa zwanzig Jahre alt. Es erlebte seine Uraufführung in der Berliner Staatsoper und wurde allerdings in Frankreich nie gegeben. Wenn sich nun Deutschland dieser Sache abermals annimmt, so ist das gewiß ein lobenswertes Unternehmen. Aber Uraufführung bleibt Uraufführung, und das gibt es nur einmal – unwiderruflich ein für alle Male.

Es ist verdrießlich, wenn das "Maul-vollnehmen" im Stile und Geiste des "gigantischsten Propagandisten aller Zeiten" auch jetzt noch und immer wieder die schöne Klarheit einer vernünftigen Sprache verdirbt. A-th