Bei der Tübinger Arbeitstagung für vergleichende Literaturwissenschaft trafen zum erstenmal nach dem Kriege deutsche und ausländische Literarhistoriker zusammen. Der Schwerpunkt lag daher im persönlichen Austausch zwischen den Sitzungen, zu dem eine kluge und fürsorgliche Tagungsorganisation reiche Gelegenheiten und das gastliche Tübingen die rechte Atmosphäre boten. Man saß zusammen bei den kultivierten Mahlzeiten in der Maison de France, im Museum; eine kleine nächtliche Runde vereinigte zuweilen Engländer, Amerikaner, Franzogen, Holländer, Deutsche in der verräucherten Schenke von Tante Emilie, einer schwäbischen Studentenmutter. Vor den Handschriften Hölderlins im stillen Archiv zu Bebenhausen, vor den Zeichnungen Mörikes im Marbacher Schiller-Museum standen gemeinsam Romanisten, Anglisten, Germanisten aus vielen Ländern.

Es war der Sinn und Erfolg des Kongresses, die Ländergrenzen zu durchbrechen und auch die Grenzen der Fachgebiete. Litterature comparee ist ein alter Forschungszweig, in den westlichen Ländern eifrig gepflegt, in Deutschland lange vernachlässigt. Es gibt bei uns keine Lehrstühle für vergleichende Literaturwissenschaft. Aber manche der auf Nationalliteraturen spezialisierten Forscher arbeiten gelegentlich über die Beziehungen zwischen den Literaturen. Die Vorträge gaben Beispiele solcher Arbeitsweise und ihrer verschiedenen Fragestellungen. Die Untersuchung der über Grenzen hinwegwirkenden literarischen "Einflüsse", ein herkömmliches, seit dem Positivismus beliebtes Thema, wird heute im Sinne der geistigen Begegnung verstanden. So deutete Schirmer (Bonn) das Verhältnis Goethes zu Byron, Santoli (Florenz) die Rezeption deutscher Dichtung und Philosophie im italienischen neunzehnten Jahrhundert. Schalk (Köln) durchleuchtete sehr eindringlich die Genesis der Grundbegriffe Montesquieus, ihr Verhältnis besonders zur englischen Tradition. Meyer (Amsterdam) zeichnete das Spiegelbild des Holländers in der deutschen Literatur. Andere Redner machten literarische Phänomene als europäische sichtbar: so Lebegue (Paris) die Vorliebe für grausame, grell-erschreckende Szenen auf dem Theater um 1600, Dedeyan (ebenfalls an der Sorbonne) den literarischen Stil des Barocks, mit klärender Unterscheidung eines frühen, "inspirierten" Barock (um 1600) und eines späteren "stereotypen", formelhaften. Cysarz (Österreich) gab spannungsgeladene Deutungen des heutigen europäischen Romans als Ausdruck der "Weltwende‘. Willoughby (London) und Lange (Ithaca, USA) berichteten sehr aufschlußreich über neue angelsächsische Forschungen zur Literaturvergleichung, Elisabeth Wilkinson (London) sprach in ausgezeichnetem Deutsch über die Wechselwirkungen englischer und deutscher Ästhetik, in der sie übernational gültige Grundbegriffe zur Deutung des Sprachkunstwerkes sucht.

Abgesehen von einer kurzen, ins Grundsatzliche zielenden Debatte, die ein Vortrag von Teesing (Amsterdam) über literarhistorische Periodisierung anregte, beschränkte sich die Diskussion auf sachliche Ergänzungen und ging kaum auf die methodischen Grundfragen ein. Die speziellen Probleme herrschten vor. Doch das Vergleichen im einzelnen verlangt und fördert das Verstehen im ganzen. Von der Einheit Europas, der zu viel beredeten, war wenig die Rede, aber sie war eine lebendige geistige Wirklichkeit im Bewußtsein vom Zusammenhang aller europäisch – amerikanischen Literatur, das im Hintergrund aller sachlichen Arbeit des Kongresses stand. Und die privaten Gespräche, die Arbeitspläne der jüngeren Gelehrten ließen Ansätze einer neuen Entwicklung, erkennen, einer Umbildung nationaler und vergleichender Literarhistorie zu einer universalen Literaturwissenschaft, die auch dort, wo sie nicht einen "Vergleich" zum Thema macht, jedes Werk und jeden Vorgang innerhalb einer Nationalliteratur im Horizont der europäischen Kultureinheit, betrachtet. Im gemeinsamen Anteil an dieser Kultureinheit wurzelt auch die Verbundenheit der Forschenden,, die in der schönen Ansprache des Pariser Germanisten Colleville (Sorbonne) auf dem Schlußbankett besonnen und herzlich zum Ausdruck kam.

Wolfdietrich Rasch