Läge Clemenswerth im Norden des ehemaligen Niederstifts Münster nicht so abseits, es gehörte zweifellos zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des westfälischen Barock, ein Kleinod aus der Zeit, da Clemens-August, Kurfürst von Köln und Fürstbischof von Münster das Gebiet zu erschließen begann, um in den Wäldern des Hümmlung seiner Jagdlust nachzugehen. Heute noch hat es der Radler am besten, der den schmalen Seitenpfad wählen und das Katzenkopfpflaster meiden kann. In dem Städtchen Haselünne, unweit großer Wacholdergebiete, wird die Hase überquert, ein Flüßchen, das die Wasser der Gegend sammelt und der Ems zuführt. Später sind es die Eichen zur Seite, die Birken und Ebereschen, die auf Stunden die einzigen Begleiter werden durch die tiefe Einsamkeit des Landes, das teils Moor, teils Düne ist, das sich schwach atmend hebt und senkt, und durch das der Weg unbeirrt geradeaus führt, zwischen Wald und Heide dahin, die der Rodung und Urbarmachung nur langsam weichen und sich in Weide und Ackerland verwandeln. Der Kreisstadt Sögel unmittelbar benachbart liegt endlich Clemenswerth. Wie überall, so wird auch hier in der Gegend zwischen dem Emstal und Hümmlung zur Zeit viel gebaut. Aber eines ist sicher: So gut wie vor zweihundert Jahren ist hierzulande nicht wieder gebaut worden, als Johann Conrad Schlaun für seine Auftraggeber die Anlage von Clemenswerth schuf. Sie bedeutet nicht schlechtweg ein Jagdschloß, sie ist vielmehr ein System von neun Gebäuden, dem größten Herrenhaus inmitten einesgrasbewachsenen Platzes und acht Pavillons, die im weiten Abstand kreisförmig darum liegen. Eine breite Allee führt darauf zu, vorbei an dem hübschen, halbrunden Wirtschaftshaus und Marstall, und lange, tiefe Schneisen führen strahlenartig nach allen Seiten in die Wälder ringsum wieder hinaus. Die etwas triviale, vergleichsweise bürgerliche Auffassung, der Kurfürst habe Clemenswerth nach Art eines Kegelspiels anlegen lassen, hat sich zwar bis in die kunsthistorischen Erläuterungen des Dehio verirrt, allein, hier handelt es sich um die Monumentalisierung der alten Idee des Hoflagers, bei dem das Zelt des Herrschers von denen des Gefolges ringförmig umgeben und geschützt war.

Schlaun, Westfalens bedeutendster Baumeister des Spätbarocks, entwarf das Ganze in den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts und vermachte ihm seinen oftmals bewiesenen Sinn für das Intim-Graziöse, für dezente und raumplastische Wirkungen, den Sinn für räumliche Zäsuren, kurz, sein ungewöhnliches Maßgefühl, das der pathetischen Bravour gern zu entfalten pflegte. Als Szenerie für eine Mozart-Oper, als ein Sommernachtstraum des Rokokos wird es besonders kenntlich des Nachts, wenn der Mondschein zu einem Gang durch den Wald verlockt, und die zärtliche Stimmung des träumerischen Bezirks die Mängel an Pflege verbirgt, die sich bei Tage (zeigen und wohl der Indolenz des vermögenden Besitzers zufallen. Harald Seiler