Die Massenarbeitslosigkeit der dreißiger Jahre und ihre Folgen verschiedenster Natur machten auf alle Denkenden einen nachhaltigen Eindruck, sowohl auf die von diesem Unglück unmittelbar betroffenen Millionen als auch auf die Wirtschaftswissenschaftler und Sozialpolitiker aller Länder, Die Forderung auf Sicherung der Beschäftigung ist seither nie mehr verstummt; sie wird leidenschaftlich diskutiert. Es ist daher gut, daß der "Verein für Sozialpolitik", 1948 neu konstituiert, bemüht, an seine ruhmreiche Tradition anzuknüpfen, als Thema "Die Problematik der Vollbeschäftigung" wählte.

Der Kieler Ordinarius, Erich Schneider, eröffnete die Vortragsfolge: "Der gegenwärtige Stand der Theorie der Vollbeschäftigung". In meisterhafter Diktion gab er einen ausgezeichneten Oberblick über die bisher von der modernen Theorie gewonnenen Erkenntnisse. Überzeugend wies er nach, "daß das Beschäftigungsproblem so viele Aspekte hat und daß, insbesondere heute, Arbeitslosigkeit so viele Ursachen haben kann, daß die Medizin der Expansion der effektiven Nachfrage nicht als ein generelles, für alle Fälle gültiges Mittel angesehen werden darf." Schneider zeigte weiter, daß die Forschung weit über Keynes hinausgekommen ist und daß die Wissenschaft ein Instrumentarium erarbeitet hat, daß die Lösung "des vielleicht ernstesten sozialen Problems unserer Zeit" in einer Wirtschaftsordnung, die Freiheit und Würde der Persönlichkeit achtet, möglich ist.

Prof. Walther Hoffmann, Münster, hatte die fast unlösbare Aufgabe, bei zeitlich starker Begrenzung die komplizierte Theorie der wachsenden Wirtschaft zu umreißen. Seine Ausführungen erwecken den Wunsch nach einer Vertiefung dieses Fragenkomplexes. Ist er doch von außerordentlicher Bedeutung für die Wirtschaftspolitik. – Prof. Theodor Wessels, Köln, sprach zur "Wirtschaftspolitik im Zeichen der Vollbeschäftigung; Zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Erreichung der Vollbeschäftigung gäbe es kein Patentmittel, vielmehr müsse an Stelle eines globaten Systems ein Katalog partieller Maßnahmen gesetzt werden, die "kleinen Mittel", geeignet, das soziale Übel zu beseitigen, ohne dafür den hohen Preis des Verlustes der Freiheit zu bezahlen.

Betontes Interesse fand Senator Prof. Karl Schiller, Hamburg: "Der Zusammenhang zwischen Vollbeschäftigung und Kreditpolitik". Er unterstrich u. a. die Notwendigkeit der Stimulierung der Kapitalbildung und der Erleichterung des Kapitalzuflusses aus dem Ausland. Er betonte, daß die derzeit allzu geringe Sparneigung in Deutschland vornehmlich ein politisch-psychologisches Problem darstelle. Von einer Gewährung von Kreditbürgschaften durch das Ausland würde er sich erhebliche Anreize zur Steigerung der deutschen Kapitalbildung versprechen. Ferner wies er auf die Notwendigkeit einer Rekonzentration des früheren Großbankensystems hin, da dadurch das gesamte Kreditpotential wesentlich erhöht werden könnte. Sehr beachtenswert seine Warnung: der Weg zur Vollbeschäftigung durch Kreditpolitik gleiche einer Gratwanderung, die große Gefahren in sich berge.

Prof. Waldemar Koch, Berlin, untersuchte die Zusammenhänge von "Vollbeschäftigungund Finanzpolitik". Die Finanzwissenschaftler widersprachen in einigen Punkten seinen Ausführungen. Wichtig erschien uns seine Feststellung, daß man zusätzliche Arbeitslose, in einer so von Engpässen bedrohten Wirtschaft wie der deutschen, in den Arbeitsprozeß nur dann eingliedern könne, wenn die bereits in Arbeit und Brot Stehenden bereit wären, Opfer auf sich zu nehmen. Diese müßten aber gebracht werden, damit die Arbeitslosigkeit, die für viele Menschen Schicksal war, nicht auf die Dauer den Regierenden als Schuld angelastet würde. – Prof. Heinrich Rittershausen, Mannheim, schloß die Reihe mit "Vollbeschäftigung und Außenhandelspolitik". Seine Darstellung gipfelte in der wirtschaftspolitischen Forderung nach neuen Wegen einer marktkonformen Vollbeschäftigungs- und Außenhandelspolitik: Abschaffung der Devisenzwangswirtschaft und Wiederherstellung des internationalen privaten Kredit- und Zinsgefälles, keine Importkontrolle.

Und dann die manchmal leidenschaftlich geführte Diskussion! 1920 hatte Geheimrat Herkner im Hinblick auf die damalige Diskussion festgestellt: "Der Verein für Sozialpolitik ist einem Dom vergleichbar, in dessen Kuppeln die Gläubigen einer Konfession zu verschiedenen Heiligen beten." Zu dem Verlauf dieser Aussprache dieses Bild variierend, vielleicht zu sagen, daß in diesem Dom von manchen Ökonomen auch Götzenbilder angebetet wurden. Praktiker erhoben den Einwand, die modernen Theoretiker bildeten zu komplizierte Modelle, sie seien zu abstrakt und lebensfremd. Darauf Erich Schneiders "Theorie ist nicht möglich ohne Modelle. Thünen begann seinen "Isolierten Staat" mit einem Modell, das zu den fruchtbarsten praktischen Maßnahmen im Bereich der landwirtschaftlichen Betriebslehre führte. Die Theorie ist, nach Schumpeter, kein Abklatsch des Lebens. Dem Leben treu ist sich, nur das Leben selbst". Und einige Theoretiker meinten, man müsse zwischen kontinentaler und angelsächsischer Theorie unterscheiden. Ist aber (mit Schneider) die Voraussetzung jeder Wissenschaft nicht logisches, d. h. richtiges Denken? Es gibt doch nur eine Wirtschaftswissenschaft. Anton Zottmann. (Kiel)