Es muß eine Art kalter Rausch gewesen sein, was einen nicht geringen Teil der europäischen Gebildeten verführt hat, zu meinen, daß die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft eine Instanz zur Kontrolle theologischer Aussagen bilden könnten. Als ob nicht der Gedanke der strikten Naturgesetzlichkeit ein eminent christlicher Gedanke wäre und als ob nicht der Glaube an eine unverbrüchliche lex naturae von Augustin bis zu Einstein als Voraussetzung alles Forschens, Erkennens und Erklärens fungiert hätte! Die Vergeßlichkeit und Kurzluftigkeit liegt nicht bei den Christen, sondern bei denen, die sich jeweils mit dem Pochen auf erkannte Naturgesetze begnügen und es versäumen, zu fragen, warum denn wohl Gesetze in der Natur gelten und nicht das Chaos herrscht. Auf diese Frage weiß die Naturwissenschaft keine Antwort. Sie ist ein Urproblem, das nicht "gelöst", sondern nur durch Denken bearbeitet werden kann. In der Praxis des Forschens bleibt es verdeckt, erst im Blick auf das Erkannte tritt es zutage. Das christliche Wort vom Schöpfer-Gott ist eine Antwort auf die Herausforderung durch das Urproblem – eine Antwort, die nicht wissenschaftlich gemeint ist und auch ihrerseits der Auslegung bedarf, aber eben doch eine Antwort und nicht ein Versteckspiel mit dem Problem wie es der naturwissenschaftliche Aberglaube betreibt.

Die Versuchung, die ganze Fülle theologischer Erfahrungen gegen diesen Aberglauben ins Feld zu führen, ist für einen katholischen Denker beträchtlich, und auch Friedrich Dessauer, der Physiker und Naturphilosoph, ist ihr nicht ganz entgangen, als er es unternahm, in aller lakonischen Kürze zu zeigen, wie sich die "Religion im Lichte der heutigen Naturwissenschaft" ausmacht (Verlag Josef Knecht, Carolusdruckerei, Frankfurt am Main, 64 S. geb. DM 2,80). Aber sicherer und schärfer als andere (vor allem auch als Max Planck in seinen kleinen Schriften zu dieser Frage) arbeitet Dessauer das Urproblem heraus, das wohl Heraklit zuerst gesehen hat, als er statt eines Ur-Stoffes den "Nomos", das kosmische Gesetz, zum Regenten der Natur erklärte – einen absoluten, sozusagen von niemandem ausgesprochenen Imperativ, der die Welt konstituiert. Solange dieser Imperativ noch wahrgenommen wurde, konnte es – das zeigt Dessauer schlüssig – das Scheinproblem einer Konkurrenz von Naturwissenschaft und Religion nicht geben.

C. E. L.