Von Vilma Sturm

Wie sollen wir wohnen? Das war die Frage,

die zu Beginn dieses Jahres über der großen Stuttgarter Wohnungsausstellung stand; diese Frage fand sich dort in zahlreichen Beispielen gut und glücklich gelöst. Während der folgenden Monate wurden Wohnungsausstellungen in vielen anderen Städten gezeigt, so in Köln (bei der Möbelmesse), in Nürnberg (anläßlich des Stadtjubiläums), in München (in der Ausstellung "Im Zeichen der Frau"), in Salzburg (in einer Handwerkenausstellung), in Bonn (in der Ausstellung "Bauen und Wohnen") und in diesen Tagen in Hamburg in einer Schau "Einrichten und Wohnen". Jedoch ist man bei all diesen Gelegenheiten über Stuttgart kaum hinausgekommen, ja, vielfach hinter dem zurückgeblieben, was dort an tüchtigen und bedenkenswerten Vorschlägen und Einfällen zur Gestaltung von Ein- und Zweiraumwohnungen mit Verwandlungs- und Kombinationsmöbeln zu sehen war.

Man denke: wir haben eine Katastrophe hinter uns, die uns unserer Häuser, Wohnungen, Möbel und unseres Hausrats beraubte; die Betäubung vom erlittenen Schlage ist gewichen, wir wachen auf, reiben uns die Augen – und siehe, wir sitzen inmitten von Stilmöbelgarnituren, Diplomatenschreibtischen, barocken Küchenbüfetts und Frisiertoiletten nebst Gondeln, inmitten von Kaukasisch-Nußbaum und Chippendale. Die Haar- und Kleidermode hat inzwischen dreiundzwanzigmal gewechselt, das Ausland, das doch verschont blieb von gewaltsamen Eingriffen in seine Wohngepflogenheiten, hat einen neuen Wohnstil gefunden, das Prächtige mit dem Schlichten, das Wuchtige mit dem Leichten, das Repräsentative mit dem Heiteren, das Gezierte mit dem Schmucklosen, nur durch die Schönheit der Bauform wirkenden Möbel, vertauscht – aber davon nimmt man bei uns kaum Notiz.

Immerhin gibt es, neben einem Dutzend wirklich fortschrittlicher Möbelfabriken, solche Bemühungen wie die des "W-K.-Sozialwerks", das in vier Programmen gute und preiswerte (wenn auch nicht billige) Möbel herausbringt, Stücke, die dem modernen Gefühl für die Helle, Weite und Luftigkeit eines Raumes entsprechen. Die Produktion enthält Wohnzimmer, Schlafzimmer, Wohnküche und Kochnische, letztere nach Schwedenart als Rundumküche, wo Kochstelle, Anrichte, Spültisch und Schränke in lückenloser Anordnung nebeneinander rund um die drei Wände führen – eine tadellose Lösung für jene, die das Wohnschlafzimmer der Wohnküche vorziehen und also nur einen Arbeitsplatz für die Hausfrau brauchen.

All diese Einzelmöbel haben zierliche Maße – die neuen Wohnungen sind zu klein für gewichtige Kästen und Kommoden – und ihnen fehlt jegliche Art von Dekoration, von Schmuck als Zutat. Unsere Zeit hat zum Spiel, also auch zum Spiel mit Formen, kein Verhältnis mehr. Das gab es zuletzt am ausgiebigsten im Barock und Rokoko. Das feinfühlige Biedermeier dagegen wollte nichts vortäuschen, was es nicht mehr konnte. Deswegen sind die Biedermeiermöbel so klar in der Linie und auch heute noch beliebt. Leider fehlt vielen unserer Möbelhersteller dies feine Gefühl, und so kommt es zu den unechten Konstruktionen und Ornamenten, aus dem schönen Spiel von früher ist geschmacklos-prätentiöse Verspieltheit geworden.

Die guten neuen Möbel sind auch nicht kostbar, sie stellen keine Vermögensanlage dar und sollen auch kein Vermögen prunkvoll repräsentieren, sie haben überhaupt mit Vermögen und Repräsentation nichts zu tun, sondern mit praktischem täglichem Gebrauch und Augenfreude. Ebenso wie unsere Stoffe und unser Schmuck nicht mehr kostbar sind, und trotzdem sind wir hübsch angezogen, ist das kostbare Holz und eine kostspielige Verarbeitung stillos für Leute, die soeben mit dem nackten Leben davongekommen sind. Rüster, Birnbaum, Buche, Esche – das ist unser Material.