Allerhand Sprachdummheiten“ nannte Gustav Wustmann 1891 seine Philippika gegen die Aufweichung der Schriftsprache durch gedankenlose, unanschauliche Wort- und Satzbildungen. Das temperamentvolle Buch hat manchem Unfug gesteuert und manchen gestiftet. Noch heute ist es in seiner Urfassung erquicklich zu lesen. Seitdem haben sich aber verschiedene Epigonen (Pedanten wie Wustmann, aber ohne seine grobianische Urwüchsigkeit) angestrengt, es den veränderten Sprachsituationen anzupassen, und auch jetzt ist wieder eine Neufassung erschienen, die zwölfte Auflage (bei de Gruyter in Berlin), in deren Titel („Wustmann Sprachdummheiten“) wie bei der elften das Wort „allerhand“ fehlt, so daß man denken könnte, Wustmann selber habe Sprachdummheiten verübt. Doch es sind nur solche des Bearbeiters beider Auflagen, der 1943 am „Kampf um ein artgemäß schlichtes Deutsch“ teilnahm und darum alle leicht verständlichen und jedermann geläufigen grammatischen Bezeichnungen in unverständliche verwandelte (das intransitive Verb zum Beispiel in das „nicht zielende Zeitwort“), sich 1940 hingegen zu einer „wirklichen Erneuerung des Buches“ entschloß, wie er im Vorwort sagt. Diese Erneuerung betrifft jedoch nicht die „zielenden Zeitworte“ und ähnliche Sprachdummheiten, sondern nur die Musterbeispiele. 1943 etwa rügte der noch nicht erneuerte Wustmann die Wendung „Der Führer erschien, gefolgt von den Treusten seiner Bewegung“ (weil in diesem Fall das gefolgt „trotz seines zahllosen Gebrauchs falsch“ sei) und empfahl dafür als das „Einfachste und Schönste“ zu schreiben: „Der Führer erschien, hinter ihm die Treusten seiner Bewegung“. 1949 sieht auf derselben Seite 136 der falsche Beispielsatz so aus: „Nun kam die Nacht im Urwald, gefolgt von allen Schrecknissen“, und das „Einfachste und Schönste“: „Nun kam die Nacht und mit ihr alle Schrecknisse“. Im Zuge dieser Verwandlung mußte Werner Schulze – das ist der Wustmann XI und XII – auch die zugehörige Kapitelüberschrift ändern. 1943 hieß sie (S. 132): „Gefolgt von einem Sturm SA“. 1949 ist sie erneuert: „Gefolgt von allen Schrecknissen“.

Oder: Für Straßennamen empfahl Werner Schulze als Wustmann XI die Weglassung von Vornamen und Titeln – mit einer Einschränkung: „Nur wo sie im Bewußtsein des Volkes zusammengehören, wie bei Fritz Reuter, Horst Wessel, Adolf Hitler, behalte man sie bei.“ Als Wustmann XII hat er aber weder Horst Wessel noch Adolf Hitler beibehalten, sondern den Satz so erneuert, daß als im Bewußtsein des Volkes zusammengehörige Vor- und Zunamen auf Fritz Reuter nun Gorch Fock und Ricarda Huch folgen.

Manchmal besteht das Erneuern nur im Streichen. Bei Wustmann XI liest man auf S. 174 einen scharfen Tadel der bindestrichlosen Aneinanderkoppelung von Worten, in der sich der Einfluß des Englischen „offenbare“. Denn: im Englischen „kollern die Wörter aufs Papier wie die Pferdeäpfel auf die Straße: Original Singer Familien Nähmaschine“. Der Leser, der hier stutzt, weil ihm Nähmaschine nicht als englisches Wort vorkommt, und eher das Beispiel „Wustmann Sprachdummheiten“ erwartet hätte, möge sich informieren lassen, daß Werner Schulze hier in der Erneuerung etwas zu zimperlich vorgegangen ist. Denn als Wustmann XI hatte er auf die vier Worte „Original Singer Familien Nähmaschine“ noch den erläuternden Satz folgen lassen: ‚Das ist nicht nur englisches, sondern sogar jüdisches Deutsch“. Dieser Satz war 1949 nicht mehr tragbar, weil ja inzwischen auf die SA die Schrecknisse gefolgt sind.

Wustmann I schrieb ein kerniges, körniges Deutsch, das sich von dem faden Schwulst der Beispielsätze, die er gesammelt hatte, drastisch abhob. Nach der Katastrophe von Wustmann XI und XII gibt es für den Verlag nur einen Weg zur Wiedergutmachung: Wustmann XIII muß wieder wie Wustmann I aussehen. C. E. L.