Kein Mensch wird je wieder die gesamten Protokolle und Aussagen, die zugelassenen und abgewiesenen Dokumente des bisher größten Prozesses der Historie studieren können, weil ein Menschenleben für dieses Studium einfach nicht ausreichen würde. Das bedeutet: die ganze Wahrheit über ein Verfahren, das ein neues Völkerrecht schaffen wollte, das als Strafverfahren begann und auf die Geschichte stieß, wird kein einzelner ergründen können. Wer also auch immer den ersten Nürnberger Prozeß vom 17. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 angreifen oder verteidigen will, tut dies, obwohl sein Wissen unzulänglich sein muß.

„Ich weiß, daß ich nichts weiß, und darum weiß ich mehr als die anderen“, sagte Sokrates. Weil er weiß, daß er nur Bruchstücke weiß, darum ragt das in diesen Tagen erscheinende Buch Carl Haensels „Das Gericht vertagt sich“ (Claassen Verlag, Hamburg) aus der Flut der schwatzhaften und neunmalklugen, ressentimentgeladenen oder trockenen Schriften über Nürnberg hervor.

Der Satz nullum crimen sine lege‚ gegen den es keine Einwände gibt, wenn man nicht das Fundament des abendländischen Rechtsdenkens zerstören will, wurde in Nürnberg bewußt außer acht gelassen. Ein Verteidiger der Angeklagten ist es nun, der dennoch die Anklage verteidigt, kürzer und eindrucksvoller, als es vielleicht je zuvor geschehen ist: „In Nürnberg wurde Naturrecht angewandt, das seinen Niederschlag in den knappen Formulierungen des Londoner Statuts oder des Kontrollratsgesetzes Nr. 10 gefunden hatte. Es handelte sich um einen eruptiven Ausbruch aus den Tiefen des Rechtsbewußtseins, das sich durch den Angriff auf die Grundlage der Humanität gefährdet fühlte und in eine Notwehrlage geriet, um den Angreifer nicht nur mit der Überlegenheit der nackten Gewalt abzuwehren, sondern auch ins Unrecht zu setzen und künftige Angriffe durch die Infamierung des Tatbestandes zu verhindern.“

Und wenig später, noch immer ohne jede Wertung schreibt Haensel: „Wir erlebten in Nürnberg einen Renaissance-Prozeß, aber mit umgekehrter Parteirolle. Die Inquisitoren, die sturen, die starren, die den ihrer Lehre nicht anhängenden als Untermenschen verfolgt hatten, saßen diesmal auf der Anklagebank, und die Vertreter der Humanität, die den Menschen als solchen und in seiner Entwicklung repräsentierten die in der früheren Kulturphase der Renaissance von der Inquisition verfolgt waren, stellten dieses Mal die Richter. Renaissance-Prozeß, mit den Inquisitoren als Angeklagten und ihren Opfern als Richtern – das war Nürnberg, ganz von fern, von oben gesehen, vom Fußschemel der Klio aus.“

Haensels Tagebuch gleicht einem literarischen Tatsachenbericht. Auf 337 Seiten ziehen sie noch einmal am Leser vorbei, die Akteure von Nürnberg: Angeklagte und Ankläger, Richter, Zeugen und Verteidiger. Alle sind sie in der gleichen Knappheit umrissen, die oft das Detail als Symptom für das Grundsätzliche liebt: „Kette!“ so heißt es beispielsweise, „fühlte sich in Nürnberg als Repräsentant des Offizierskorps, dessen Ehre er retten wollte. Er hielt seine Zelle am saubersten von allen Gefangenen, beschwerte sich, weil er nicht genug Reinigungsmittel bekäme, war wieder Kadett. Oder immer noch Kadett.“

Dem deutsch-sowjetischen Geheimabkommen über den Angriffskrieg in Polen widmet Haensel breiten Raum. Und er hat allen Grund dazu. Es gab zwei Kopien dieses Abkommens; eine in Moskau, eine in Berlin. Als der Krieg zu Ende war, da befanden sich beide in den Händen der Sowjets. Der Verteidigung gelang es auf unterirdischem Wege eine – selbstverständlich nicht beglaubigte – Abschrift dieses Vertrages zu erhalten. Sie wurde nicht als Dokument zugelassen. Hier war der Punkt, in dem es hätte gelingen können, nachzuweisen, daß damals auf der Richterbank noch die Repräsentanten einer Macht saßen, deren Führer auf die Anklagebank gehörten.

„Ich habe heute nacht gesehen“, so sagte Heß in einer Verhandlungspause zu Göring, „ich weiß nun, daß diese Nürnberger Verfahren nie zu Ende gehen ... Wir werden uns vor einem höheren Forum verantworten müssen.“ – „Kann schon sein“, erwiderte Göring, „kann schon sein, daß du vor ein anderes Forum kommst, vor ein höheres Forum, aber vorher werden sie dir hier unten die Birne vor die Füße legen.“