Englands Unterhaus im alten Stil wiederaufgebaut

London, im Oktober

an weiß zwar nicht, wer die Bombe geworfen hat, die das Unterhaus in den Nachtstunden des 11. Mai 1941 zerstörte, doch man weiß heute aus der Vernehmung deutscher Flieger und aus genauem Studium der deutschen Akten, daß die Parlamentsgebäude von Westminster nicht ausdrücklich Ziel des Angriffs waren. Inzwischen können sich die meisten Engländer mit uns ruhig und sachlich über das neue Unterhaus und über sein altbekanntes Gesicht, über die sorgsam gehüteten Traditionen, über Zopf, Perücke und Kniehosen unterhalten. Seit vierhundert Jahren tagt nun das Unterhaus am gleichen Fleck, nur durch den Brand von 1834 und die Bombe von 1941 kurz unterbrochen. Und seit vierhundert Jahren tagt man im rechteckigen Raum, so wie er sich in der Stephans-Kapelle vorfand, in die nach der Reformation die Parlamentarier eingeladen wurden, um sie aus der Umgebung der Blackfriars, der schwarzen Mönche, herauszuziehen, die ihnen bis dahin Unterkunft boten.

Damals saßen sich die Parteien im Gestühl gegenüber wie heute noch Regierungspartei und Opposition. Damals nutzte der Sprecher die Altarstufen, so wie er heute seinen feierlich erhöhten Sitz hat. Und damals wurde das Bibelpult durch den Tisch des Sprechers ersetzt, auf den auch heute noch die Front Benchers, "die auf den vordersten Bänken", aus Opposition und Regierung ihre Füße legen.

Winston Churchill soll zum ersten Male einen gebückten Gang gehabt haben, als er am Morgen des 11. Mai durch die Trümmer des Unterhauses ging. Er hat danach mit all seiner Energie dafür gekämpft, daß am Tage nach dem europäischen Feldzug, am 10. Mai 1945, mit den Aufräumungsarbeiten begonnen wurde und daß die Pläne für das neue Haus sich auf das engste an das zerstörte Vorbild hielten. Mancher Witz wird bereits über "die spätgotische Nachahmung der zerstörten Pseudogotik von 1834" gemacht. Doch kann man sich überhaupt ausmalen, welch vernichtender Kritik jeder, aber auch jeder Versuch eines neuen, neuartigen Parlamentsraums ausgesetzt worden wäre?

England braucht die Tradition, mit modernen Annehmlichkeiten gekoppelt, versteht sich. Selbstverständlich will der englische Abgeordnete eine moderne Lüftungsanlage, die ihm "einen schönen Frühlingstag im Freien" vorgaukeln soll. Doch die frische Luft soll aus gotischen Ranken hervorströmen. Natürlich will jeder Abgeordnete nur ein paar Schritte von der Kammer zu den Telefonen zurücklegen. Aber er ist ebenso natürlich damit einverstanden, daß das Unterhaus mit nur 437 Sitzen für 625 Abgeordnete weiterhin "zu klein" ist, damit – in Churchills beschwörenden Worten – "die Intimität der Debatte und die Atmosphäre der Eile und Erregung‘ gewahrt bleibt, wie sie das Gedränge auf den grünen Ledersitzen und an der Barriere des Hauses an großen Tagen auslösen. Selbstverständlich will man keine Pulte vor den Sitzen, selbstverständlich will man sich nicht nur im "Haus‘, sondern auch in den Wandelgängen stets erheben und schweigend den Kopf senken, wenn immer der Sprecher in Kniehosen und weißer Perücke sich von seinem Zeremonienmeister in Prozession geleiten läßt

"Englands Schwäche liegt im langen Zögern vor dem Neuen; seine Stärke liegt im langen Festhalten am Alten!" Liegt in diesem Bonmot eines alten ehrwürdigen englischen Richters ein Widerspruch? Wer das glaubt, Übersicht eines: die unerschöpfliche Kraft zum Kompromiß. Denn ein Kompromiß mag zwar oft Entscheidungen ausweichen, aufschieben. Aber es garantiert zugleich die Krone der Demokratie, die Toleranz! Hierin liegt das Geheimnis der englischen Demokratie; hierin und nicht in der imitierten Spätgotik mit modernster Lüftung.

Edgar Gerwin