Die Essays von T. S. Eliot

Hans Hennecke hat seinen großen Verdiensten um die Vermittlung der Werke T. S. Eliots ein neues hinzugefügt durch die Veröffentlichung einer wohlüberlegten Auswahl von Eliots kritischen Essays, in vorzüglichen Verdeutschungen, die teilweise vom Herausgeber stammen, zum andern Teil von H. H. Schaeder, Ursula Clemen und W. E. Süskind. („Ausgewählte Essays 1917 bis 1947“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.) Diese Essays des großen Dichters sind ungemein wichtig für uns nicht nur wegen der dichten geistigen Substanz ihres Gehaltes, wegen der Meisterschaft in der subtilen Erhellung dichterischer Phänomene und der Formsicherheit, die hier den Essay als Kunst handhabt und zumal durch den unaufdringlichen Charme des „Understatement“ dem Leser unerschöpfliche Reize gewährt. Was diesen Band gerade für uns zu einem geistigen Faktum erster Ordnung macht, ist zunächst etwas anderes. Er dokumentiert, daß der größte lyrische Dichter unserer Tage zugleich ein Kritiker höchsten Ranges ist und dieser Aufgabe mit Hingebung dient. Er verdeutlicht – um es ganz einfach, auszudrücken –, daß Kritik zur Literatur gehört, daß sie Literatur ist. Sie ist, wie es bei Eliot einmal heißt, „so unentbehrlich wie das Atmen“ – nämlich für das Leben der Literatur.

Das scheint in Deutschland in Vergessenheit geraten zu sein. Seit einiger Zeit ist bei uns sattsam die Rede von der Lähmung des dichterischen Schaffens, vom Absinken des literarischen Niveaus. Vom Verfall der Kritik spricht man nicht, obwohl diesem Unheil leichter abzuhelfen sein müßte. Man behauptet, bereit zu sein zum Empfangen der schöpferischen Offenbarung – nur bliebe sie leider aus. Von jeher aber war die positive Antwort auf eine solche Situation: Kritik. Erst mit echter Kritik wird in unserer Zeit die wahre Bereitschaft für große Dichtung bekundet und geschaffen. Kritik ist, auch wo sie alles Mißlungene und Problematische scharf ins Licht stellt, immer – wie hieß es doch? – „aufbauend“. Denn sie errichtet Maßstäbe, sie verdeutlicht am Beispiel des Verfehlten die Beschaffenheit des Vollkommenen, und sie hält den Sinn für die echten Werte wach –, worauf in Zeiten der sogenannten „Krise“, alles ankommt.

Eliot gewinnt seine kritischen Maßstäbe aus der Tradition. Das erweckt leicht Vorurteile, man wittert retrospektiven Historismus, Epigonentum. Das Fundament von Eliots kritischer Leistung ist eine Auslegung des Begriffs „Tradition“, die von jedem Historismus frei ist. Er fordert vom wahren Sinn für Tradition, „daß man nicht nur das Vergangensein der Vergangenheit, sondern auch ihr Gegenwärtigsein deutlich spürt“, daß man die innere Gegenwart, die „Gleichzeitigkeit“ aller großen Dichtung seit Homer lebendig wahrnimmt. In diesem geistigen Raum simultaner Gegenwärtigkeit der dichterischen Überlieferung ist Eliots eigene Kunst entstanden, deren Form durch eine Verschwisterung von Tradition und Experiment bestimmt und eben dadurch so außerordentlich „modern“ ist. Sein kritisches Werk schafft immer neue Zugänge zu diesem Raum. Gleichviel, ob seine höchst sensible Interpretation Dante, Shakespeare, Milton gilt oder Baudelaire, Kipling, Joyce, sie bringt immer das zusammenhängende Ganze der Weltdichtung zum Bewußtsein und ist überall aktuell. So konnte auch seine Erschließung John Donnes und der „metaphysischen Dichter“ des 17. Jahrhunderts so stark auf die heutige englische Dichtung wirken. Überhaupt bestätigt sich Eliots Anschauung vom entscheidenden Anteil der Kritik am literarischen Schaffen (die der Essay „Die Leistung der Kritik“ untersucht) an der lebendigen Wirkung, die seit drei Jahrzehnten, besonders in der angelsächsischen Welt, von diesen Essays ausgeht.

Daß man diese Resonanz mitklingen hört, dafür sorgt Henneckes ausführliche Einleitung, die zum Besten gehört, was, nicht nur in Deutschland, über Eliot geschrieben worden ist. Es ist eine Einführung in Gestalt einer durchaus selbständigen Abhandlung, und sie macht den Band auch für diejenigen Leser wichtig, die den englischen Text vorziehen oder die mit der Auswahl nicht in jedem Punkte einverstanden sind und statt der Einzelstellen aus verschiedenen Aufsätzen Eliots, die auf den ersten vierzig Seiten mitgeteilt sind, vielleicht lieber den vollständigen Abdruck eines weiteren Essays gesehen hätten, etwa des perspektivenreichen Aufsatzes „From Poe to Valéry“. Wolfdietrich Rasch