Am 25. Oktober, einige Minuten vor 10 Uhr, erschien in der Münchener Möhlstraße, die als Schwarzhandelszentrale. Renommee hat, eine Anzahl von Kraftwagen mit Polizisten und Zollbeamten. Als es zehn schlug, hatten 500 Beamten das Möhlstraßenviertel abgeriegelt, während gleichzeitig in allen achtzig Läden Hausdurchsuchungen begannen. Nach dem Ende der Razzia fuhren sechzehn Lastkraftwagen mit beschlagnahmten unverzollten Waren ab. Die Beamten hatten kistenweise unverzollte französische Kognaks, Liköre, Champagner, Schokolade, Zigaretten, Nylons, Schmuck und – Kaffee gefunden. Diese Aktion war die Anwort der Zollbehörden auf die bemerkenswerte Tatsache, daß in München der Anteil des Schmuggelkaffees am Gesamtverbrauch in den letzten Monaten etwa 90 v. H. betrug. Aber nicht nur München sondern ganz Westdeutschland war bis etwa zum Juli 1950 ein wahres Paradies des Kaffeeschwarzhandels. Bei einer Steuer- und Zollbelastung von 12 DM je Kilogramm Rohkaffee, das auf dem Weltmarkt 5 DM kostet, braucht man sich darüber nicht zu wundern. Die Gewinnchance des Schmuggels ist so ungeheuer, daß der Versuchung keineswegs nur DP’s zum Opfer fallen. Im vergangenen Jahr sowie im ersten Halbjahr 1950 ist in Westdeutschland ebensoviel Schmuggelkaffee wie versteuerter Kaffee verkauft worden. Der Kaffeeschmuggel bewegte sich also im Jahr in der Höhe von etwa 30 000 Tonnen, mit einem Steuer- und Zollausfall von über 300 Millionen DM. Natürlich kämpften die Behörden nach Kräften gegen den Schmuggel. Sie stellten mehr Beamte ein, sie erhoben Zollkautionen von Lastwagen im Transitverkehr, aber es änderte sich im Grunde nichts, bis zum Hochsommer 1950. Dann änderte sich plötzlich etwas. Aber das hatte andere Gründe.

Am 3. Juli fand im Ostsektor von Berlin eine Großrazzia der Volkspolizei gegen die dortigen Schmuggellager und Schieberdepots statt. Es wurden sehr große Mengen von Kaffee, Zigaretten und mehrere Millionen DM-West beschlagnahmt In Westberlin, wo jeder wußte, daß nicht nur der Westsektor, sondern das der größte Teil Westdeutschlands von den Ostberliner Schwarzhändlern mit Kaffee und Zigaretten versorgt wurde, wunderte man sich. Erst langsam stellte sich der wahre Grund für das Zugreifen der Volkspolizei heraus. Anderthalb Jahre hatten die Ostzonenbehörden, unter Führung des Außenhandelsministers Handke, das große Geschäft des Kaffeeschmuggels nach dem Westen zusammen mit einer Schwarzhändlerbande betrieben, die ihre Zentrale im Haus Brandenburg am Kurfürstendamm besaß. Ihr Ziel war: Devisenbeschaffung und Sabotage an der westdeutschen Wirtschaft. Im Juni aber entstanden Differenzen zwischen Ostzonenbehörden und Schleichhändlern. Die mit diesem Geschäft befaßten DP’s hatten Geschmack daran gefunden, ihre segensreiche Tätigkeit auch auf den Ostsektor und auf die Ostzone auszudehnen, was der SED nicht paßte. Hinzu kam, daß ein Teil der Schwarzhändler, von der Koreakrise beunruhigt, sich mehr dem Gold-, Devisen- und Schmuckhandel zuzuwenden begann. Streitigkeiten zwischen Handke, Karlshorst und der Zentralfigur des Hauses Brandenburg, einem DP namens Bavnic, kamen hinzu. Kurz, man sah sich veranlaßt, den Kaffeeschwarzhandel nach Westdeutschland zu reorganisieren. Die Reorganisation verlief wie jede. „Säuberung“: man nahm den alten Geschäftspartnern das Geld und die Ware ab und sperrte sie, ein.

Die Folgen des Schlages gegen den Ostberliner Schwarzhandel waren sogleich fühlbar. In Westberlin fiel der Anteil des Schmuggelkaffees am Verbrauch, auf etwa 30 v. H. In Westdeutschland wurde die Schmuggelware ebenfalls knapp, der Preis stieg bis auf 10 DM je Pfund. An der Hauptschmuggelgrenze im Kaffeekrieg – der niedersächsischen Zonengrenze von Schnakenburg bis Kassel – wurde es plötzlich ruhig. Die Zollfahndungsstelle Hannover, die im Monatsdurchschnitt bis zum Juni 23 Tonnen Kaffee beschlagnahmt hatte, womit sie den Rekord in Westdeutschland hielt, erwischte im Juli nur 1,7 Tonnen. Dabei war die Ostberliner Aktion zu einem Zeitpunkt erfolgt, an dem sich der Ostschwarzhandel durch Preisunterbietung gegen die anderen Einstrahlungsgebiete wie Österreich oder, die Schweiz gänzlich durchzusetzen schien, Diese Preisunterbietungen waren möglich gewesen, weil der Schmuggel aus der Ostzone wegen der Mitwirkung der dortigen Behörden das weitaus geringste Risiko erfordert hatte. Der Rückschlag war so bedeutend, daß der legale Kaffeehandel Westdeutschlands in der darauffolgenden Zeit seine Umsätze um etwa ein Fünftel steigern konnte, während der Anteil des Schwarzkaffees am westdeutschen Verbrauch von 50 auf 20 v. H. absank.

Nun setzte sich allerdings der Schmuggelkaffee aus anderen Ländern wieder stärker durch. Die Kaffeezufuhren, die jetzt in München den Markt beherrschen und zu der Aktion in der Möhlstraße geführt haben, stammen zum größten Teil aus Österreich, von wo sie meistens auf dem Donauwege über Regensburg, zum Teil auch per Lastwagen kommen. Am Abend der Münchener Zollaktion wurden zum Beispiel in Garmisch drei Lastwagen mit acht Tonnen Kaffee beschlagnahmt, die von österreichischen Schmugglern in britischen Uniformen mit gefälschten Ausweisen eingeführt worden waren.

Es sprechen aber viele Anzeichen dafür, daß bereits eine Reorganisation des Schwarzhandels in Ostberlin im Gange ist, wobei die ostzonalen Behörden darauf hinzielen, den „wilden“, das heißt unabhängigen Schmuggel auszuschalten, und eine geräuschlosere Organisation zu schaffen, die in sieben Verteilungsstellen zentralisiert ist, Eine neue Schwarze Börse in Westberlin wurde, nachdem das Haus Brandenburg verlassen werden mußte, in der Katharinenstraße in der Nähe der Halensee-Brücke geschaffen Zur Sicherung der Transporte und zur Ausschaltung von Außenseitern wurde eine Schutztruppe – „Protecten-Gang“ – aufgestellt, deren Mitglieder durch eine Umsatzprovision abgefunden: werden. Außerdem ist beabsichtigt, den Kaffeeschmuggel stärker in das Ost- Ost-West-Kompensationsgeschäft einzubauen. Firmen in Liechtenstein, in Italien und in der Schweiz, für die das Geschäft natürlich völlig legal ist, sind zur Beschaffung der Ware eingeschaltet. Die Reorganisation scheint abermals in den Händen von Bavnic zu liegen. Es wäre interessant zu wissen, ob die Beschlagnahme des Elbkahns „Saale“ durch die niedersächsischen Behörden in Schnakenburg bereits zu Lasten der neuen Organisation ging. Auf der „Saale“ die aus der Ostzone nach Hamburg unterwegs war, fand man am 21. August 255 Kisten kommunistisches Propagandamaterial, 255 Rollen Papier, 190 blaue (FDJ-?) Hosen, verschiedene kleinere Schmuggelgüter und – 1,8 Tonnen Rohkaffee. Festgenommen wurde ein Herr Stemmermann, Beauftragter der SED-offiziösen „Deag“ und Funktionär der FDJ, und der dazugehörige Spediteur, der ein Büro in Hamburg hat. Vielleicht war dies aber auch eine kleine Operation zur Finanzierung der FDJ in Westdeutschland. Wäre sie geglückt, dann hätte man den Kaffee für 30 000 DM verkaufen und davon 6000 DM nach Ostberlin zurückschicken können. Soviel kostet nämlich der Kaffee. Die FDJ aber hätte 24 000 DM für ihre Propaganda gehabt: 24 000 DM aus der Kasse des Bundesfinanzministers, der genau soviel Steuerausfall an 1,8 Tonnen Schmuggelsoviel erleidet... Der weitaus größte Teil des Schmuggelkaffees kommt (wenn man einmal von den? Aachener Einstrahlungsgebiet absieht, wo ganze Dörfer daran „arbeiten“, täglich etwa 10 Tonnen Kaffee über die Grenze zu bringen), über die Binnenschiffahrt und über die Eisenbahn nach Westdeutschland. Besonders Schiffe sind sehr schwer zu kontrollieren. Deshalb haben die Behörden ein nicht unbedenkliches Hilfsmittel eingeführt: sie geben beschlagnahmten Kaffee zur Verwertung weiter, wobei gelegentlich Firmen bevorzugt werden, die bei der Aufdeckung des Schmuggels mitwirken. Damit werden den Bevorzugten so ausgezeichnete Geschäfte zugeschoben, daß es sich manchmal lohnen mag, den Schmuggel zu organisieren, um ihn dann hochgehen zu lassen. In einem solchen Verfahren, geschmuggelten Kaffee zu „legalisieren“ stecken außerordentlich unerfreuliche Möglichkeiten, die sich, solange Kaffeezoll und -steuer noch an die Länder gingen, darin ausdrückten, daß ein Land, das normalerweise gar keine Verzollungen hatte, in einem bestimmten kurzen Zeitabschnitt, eine hohe Kaffeesteuereinnahme verzeichnete, – worauf dann wieder viele Monate lang nichts erfolgte. Was ist da vorgegangen? Hat hier jemand einen größeren Schmuggel hindisponiert und dann auffliegen lassen? Wer hat dabei die Zollprämie verdient?

Die Regierung in Bonn mag der Meinung sein, daß sie ohne die Kaffeebesteuerung in ihrer jetzigen Höhe nicht auskommt. Man könnte ihr erwidern, daß sie zuletzt ja doch nur die Hälfte der Steuer bekommen hat, weil sie nur die Hälfte des importierten Kaffees erfassen konnte. Sie täte daher zweifellos besser, die Steuer zu ermäßigen und dann die ganze Einfuhr zu erfassen. Der Kaffeehandel seinerseits, der die Krise allein der Steuer zu Last schreibt, sollte seine Kalkulationen überprüfen. Wenn nämlich eine der besseren Costarica-Sorten, die im Hamburger Freihafen 4,20 DM, sodann versteuert, verzollt und geröstet 12,40 DM je Pfund kostet, zuletzt dem Verbraucher für 18 DM oder 20 DM verkauft wird, dann gibt das zu denken. Der Schwarzhandel gewinnt daraus ebensoviel Auftrieb wie aus der überhöhten Steuer.

Viktor Solomon