Das Fest religiöser Musik fand dies Jahr zum fünften Male in Perugia statt, und dieses kleine Jubiläum mag vielleicht der Grund gewesen sein, warum nicht – wie bisher – der neue Versuch im Vordergrund stand, sondern das große Beispiel geistlicher Werke der Vergangenheit, die freilich in mehrfacher Beziehung einen Grundwert aller Kirchenmusik besonders eindringlich vor Augen führen können: das Symbol als verbindende künstlerische Kraft zur Idee hin, der die Musik dient.

Der leitende Gedanke dieses vom italienischen Staat, von der Stadt Perugia und von privater Seite geförderten Festes war immer: in Italien oder überhaupt unbekannte geistliche Musik beispielhaft der Öffentlichkeit zu übergeben. Damit unterscheidet sich Perugia thematisch von jedem anderen Musikfest Europas. War auch das eigentliche Experiment diesmal ausgeschaltet, so kam doch die Gegenwart immerhin mit einigen Neuheiten von mehr retrospektiver Haltung zu Gehör. Die melodische Simplizität in der Kantate Oritur sol et occidit und dem Cantico da gloria von Ildebrando Pizzetti, dessen 70. Geburtstag zum Anlaß einer offiziellen Ehrung genommen wurde, bleibt ehrlich eingestanden und wird nicht, wie es sonst meist geschieht, durch unproportionale Mittel „beschönigt“. Die neue a-cappella-Messe Pro salute innocentium des Römers Virgilio Mortari ist zwar im Stil uneinheitlich, jedoch erreichen Symbolisierungen einige „Bilder“ unmittelbar packender Wirkung.

Die eigentliche thematische Bedeutung des Festes konnten erst Vergangenheitswerke, fast durchweg Erstaufführungen für Italien, dokumentieren. Die Gegenüberstellung von Bachs h-moll-Messe und Handels „Israel“ mit Scarlattis Oratorium Santa Teodosia und Monteverdis Vespro deila Beata Vergene erwies, daß der geistliche Vorwurf, so verschieden er selbst ist und so gegensätzlich die musikalischen Charaktere, die sich seiner annehmen, ganz offenbar zur Symbolisierung zwingt. Es ist sicher bedeutsam, daß es der lateinische Text war, der die Grundlage für die zugleich persönlichste und kraftvollste Versinnbildlichung schuf: bei Bach und bei Monteverdi. Die Objektivität der Kirchensprache zwingt zu einer Stilprägung, die selbst Sinnbilder zu schaffen vermag. Monteverdis in der Bearbeitung G. F. Ghedinis zur Uraufführung gelangte Vesper bildete dabei die große Überraschung. Sie ist noch ganz in der archaischen Vorstellung befangen: die gregorianischen „Töne“ bilden das wahrhaft gottgegebene Material. Um sie werden, nun allerdings Klanggebäude von durchaus subjektiver Anschauung errichtet. In ständigem Szenen- und Beleuchtungswechsel rollen „Bilder“ bald tiefer Versenkung, bald erregter Dramatik ab. Die „Realisation“ Ghedinis bezieht sich auf die Ergänzung des nur mit Violinen, Hörnern, Violen und Prinzipalstimme (Orgel) auskommenden Orchesters, auf dynamische Variierung, instrumentale Phrasierung und Tempobestimmutig. Das Werk klingt in dieser Fassung überzeugend „original“, jedenfalls ist jede Angleichung an einen späteren Stil streng vermieden.

Sehr lehrreich war auch die Erkenntnis, in welchem Maße die italienische Wurzel in der geistlichen Musik aller Zeiten und Länder wirksam wurde. Daß Abschriften von Messer. Caldaras, Lottis und Palestrinas von Bachs eigener Hand vorliegen, ist bekannt. Vieles in Handels Oratorien kommt von Monteverdi, Mozarts Litaniae Lauretanae – die erste seiner beiden, Marienlitaneien, 1771 nach der ersten Italienreise entstanden, wurde geboten – beweisen Padre Martinis Einfluß, und in Schuberts Es-dur-Messe, ebenfalls eine Erstaufführung für Italien, zeigen sich Spuren Rossinis, Diese Rückbeziehungen wurden freilich durch die Interpretation wesentlich überspielt: jedes Werk wurde von Interpreten des Kulturkreises wiedergegeben, dem es selbst entstammt.

Die Zusammenstellung derart verschiedener Kunstanschauungen, die noch durch englische Renaissancemusik erweitert wurde, deckte ihre gemeinsame geistige und religiöse Quell; auf, freilich auch ihre Verpflichtung Italien gegenüber, das noch für Mozart das Land der Musik war. Perugia ist ein übernationales Musikfest ohne jede Orthodoxie, das über dem Trennenden das allen Gemeinsame erkennen läßt. Dadurch wird es selbst zum zeitgebotenen Symbol.

Hans Rutz