Ein Prozeß um Pervitin

Ich bin entschieden dafür, daß Pervitin auf der Liste der Rauschgifte und streng rezeptpflichtig bleibt“, erklärte ein bekannter Nervenarzt zu dem „Pervitin-Prozeß“, der kürzlich das Schöffengericht in der niedersächsischen Stadt Soltau beschäftigte. Zwei Ärzte aus Münster waren angeklagt, gegen das Opiumgesetz (von 1941) verstoßen zu haben, weil sie das nervenaufpulvernde „psychische Stimulans“ unzulässigerweise verordneten und es durch Mittelsmänner aus den Apotheken holen ließen, damit ihre überwiegend weiblichen „Patienten“ nicht als süchtig in Erscheinung traten. Jeder der beiden Ärzte hatte in rund hundert Fällen Pervitin verschrieben. Der eine, übrigens ein Fachmann für Giftgase, wurde zu 500 D-Mark Geldstrafe verurteilt, der andere kam mit 200 D-Mark davon. Das Gericht stellte fest, daß es nicht die Aufgabe habe, zu entscheiden, ob die wissenschaftliche Auffassung von der Gefährlichkeit des Pervitins richtig oder unzutreffend sei. Es beschränke sich darauf, das Gesetz buchstabengetreu anzuwenden.

Eine Umfrage bei mehreren Ärzten ergab, daß das Urteil von Soltau in der Fachwelt als richtig (und sehr milde) gilt. Nervenärzte, die reiche Erfahrungen im Umgang mit süchtigen Patienten haben, lehnten das Pervitin als „Erfrischungsmittel“ gegen Ermüdungserscheinungen oder Arbeitsunlust entschieden ab, weil es nur auf unnatürliche Leistungssteigerungen und eine Überbeanspruchung der Kräfte hinziele („es führt dem Körper keine Kraft zu, sondern holt nur Kraft aus ihm heraus“), der unweigerlich ein Kräfteverfall folge. Auch als vorbeugendes Mittel gegen zu erwartende Anstrengungen sei es nicht geeignet, weil es das Zustandekommen des „pathologischen Rausches“ erleichtere. Dieselben Ärzte gaben zu, daß Pervitin Hemmungen beseitigt und in der Regel ein Gefühl allgemeinen Wohlbehagens auslöst. Da diese Wirkungen aber trügerisch sind und zwangsläufig gegenteilige Folgen nach sich ziehen, müsse Pervitin als ein schädliches Mittel abgesehen werden und dürfe nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen, etwa als Antagonisticum gegen Hypnotica oder Narcotica, empfohlen werden.

Nicht alle Menschen reagieren gleichartig auf Pervitin. Während die meisten schon kurze Zeit nach dem Einnehmen einer der kleinen weißen Tabletten (oder nach einer intramuskulären bzw. subkutanen Injektion) frei von vorher vorhandener Müdigkeit sind und sich besonders tatenfroh fühlen, verspüren andere kaum eine Wirkung. Daß Pervitin den Nachweis von starkem Alkoholgenuß durch Blutproben unmöglich mache, bezeichnen die Ärzte als „Ammenmärchen“. Es hat also keinen Zweck, wenn bezechte Autofahrer Pervitin nehmen, um im Falle einer polizeilich untersuchten Karambolage als alkoholfrei diagnostiziert zu werden. Daß Kampffliegern im Kriege Pervitin, auch in Form von Pervitin-Schokolade zur Steigerung ihrer geistigen und physischen Spannkraft verabreicht wurde, ist kein Beweis für die Harmlosigkeit des Mittels, auch nicht der Umstand, daß Pervitin, wenn es vor größerem Alkoholgenuß genommen wird, den sonst unvermeidlichen schweren „Kater“ verhindert. Vor allem sind verantwortungsbewußte Ärzte dagegen, daß Künstler (Schauspieler) und Geistesarbeiter, die bis in die Nacht hinein tätig sein müssen, Pervitin nehmen, „um auf der Höhe zu sein“ Othmar Merth