Deutsche Sheriff-Premiere

Bochum, Ende Oktober

Ende der zwanziger Jahre wurde der britische Autor R. C. Sheriff auf deutschen Bühnen bekannt. Sein Frontstück „Die andere Seite“ (The Journeys End) hatte das Erlebnis des ersten Weltkriegs in ähnlich gültiger Weise verarbeitet wie „Das Grabmal des unbekannten Soldaten“ von in Frankreich und „Die endlose Straße“ in Deutschland. Wenn Sheriff jetzt abermals von der deutschen Bühne herab spricht, so handelt es sich bei „Miß Mabel“ zwar um einen kriminalistischen Beitrag zum Unterhaltungstheater, dem sich der Autor inzwischen vorschrieben hat. Aber die Giftmordaffäre, die er in Verbindung mit einer Testamentsfälschung aufdeckt, übersteigt die harmlose Frivolität eines englischen Gesellschaftsstücks, um thematisch – wenigstens für deutsche Zuschauer – an ein heißes Eisen zu rühren.

Ein altes Ekel ist heimlich aus dem Wege geräumt worden, damit das immense Vermögen der „Verstorbenen“ wohltätigen Zwecken zugeführt werden kann. Miß Mabel hat durch ein gefälschtes Testament aus der Hinterlassenschaft ihrer vergifteten Schwester den Pfarrer, den Arzt, den Gärtner und ein paar junge Leute beglückt, so daß ein Kinderheim, ein Krankenhaus und eine Pflanzschule errichtet, werden können. An sich selbst hat die edle Verbrecherin kaum gedacht. Aber auch nicht an das kleine Muttermal auf ihrer Wange, wodurch sie sich von ihrer Schwester unterschied. So kommt die Sache heraus. Herzhaft wirbelt der Autor seine Personen zwischen Überraschung und Enttäuschung umher. Begreiflicherweise bemühen sie sich, die stets wohlanständige Miß Mabel vor den Folgen ihrer mörderischen Wohltat zu schützen. Sie beging einen „christlichen“ Mord, eine Tat reiner Nächstenliebe. Der „gesunde Menschenverstand“ auch des Zuschauers plädiert mindestens auf mildernde Umstände.

Hier aber müssen deutsche Zuschauer ein Haar in der raffiniert, gewürzten. Suppe finden. Von der sanften Nachhilfe in einem Einzelfall bis zur staatlich verordneten, bürokratisch gelenkten Vernichtung „unwerten Lebens“ ist nur ein Schritt, wenn die Unverletzlichkeit der Person einmal erschüttert ist.

Die Bochumer Aufführung zeichnete zwar die Typen treffend im einzelnen. Aber der junge Regisseur Alexander May bekam über seinem Zertüfteln des moralischen Problems die Spannungskurve des Kriminalstücks und den eleganten Schwung einer englischen Konversationskomödie noch nicht in den Griff. Sowohl die Tatsache der Aufführung indessen wie die bereits weit gediehene Umformung des Ensembles belegten die Wandlung, die sich an dieser Bühne unter der Intendanz Hans Schallas vollzogen hat. Der Spielplan ist von der Diktatur der Klassiker und ihrer Bochumer „Wochen“ zur betonten Pflege des Gegenwartsschauspiels umgeschwenkt. Nebenwege der Tradition, wie Büchner und in einer bewundernswerten „Hannibal“ – Inszenierung Schallas auch Grabbe, werden konsequent von ihrem „modernen“ geistigen und Theatergehalt her erschlossen. Dafür steht eine gründlich erneuerte Spielgemeinschaft zur Verfügung, die mit ihren besten Leistungen dem angerosteten Begriff (Bochum schon wieder einige Glanzpunkte aufgesetzt hat. Johannes Jacobi