Von B. N. Gavrilovic

General Damjan Weltscheff, der erste Kriegsminister der kommunistischen Regierung Bulgariens, die er durch den letzten seiner drei Staatsstreiche selbst an die Macht gebracht hat, um schließlich vor ihr fliehen zu müssen, fährt in der dramatischen Schilderung seiner Lebensgeschichte fort, die er in der „Zeit“ Nr. 43 vom 26. Oktober begonnen hat. Ohne, Zweifel hat sein tiefer Haß. gegen die bulgarische Dynastie der ihn schon 1923 zum Rebellen machte und ihn von einem Staatsstreich in den anderen trieb, zur bulgarischen Katastrophe nach dem zweiten Weltkrieg entscheidend beigetragen. Aus diesem Haß ist das vernichtende Urteil zu verstehen, das er heute in der Fortsetzung seines Berichtes über Ferdinand und Boris zum Ausdruck bringt. Die Erklärungen Weltscheffs gewinnen ihre besondere Bedeutung dadurch, daß dieser Mann lange Zeit selbst in der kommunistischen Regierung Bulgariens saß und aus allernächster Nähe den zähen Kampf beobachtete, den die Kommunisten um den Alleinbesitz der Macht führten und der sich gerade gegen ihn, Weltscheff, selbst richtete, bis er, zunächst als Gesandter, in die Schweiz ging. Daß die Kommunisten, solange er noch in Sofia war, nicht wagten, gegen den Kriegsminister vorzugehen, rettete ihm das Leben. Sein Schicksal ist aber beispielhaft für diejenigen, die glauben, mit den Kommunisten zusammenarbeiten zu können.

Die Dynastie“, fuhr Weltscheff fort, „war unsere Tragödie. Der frühere Ministerpräsident Professor Toscheff erzählte mir, wie es dazu gekommen ist. Als nach der Abdankung des Prinzen Battenberg, der ein korrekter Herrscher gewesen war, Bulgarien durch einen Aufstand in ein Chaos geriet, begab sich der damalige Regent, Stefan Stambuloff, an der Spitze einer Delegation nach Wien, um nach einem andern Prinzen zu fahnden. Am Hofe empfing ein junger österreichischer Offizier die Delegation und stellte sich als Prinz Ferdinand von Coburg vor, Kandidat für den bulgarischen Thron. Die Delegation verlangte eine Audienz beim Kaiser, und als Stambuloff ihm dabei von der Begegnung mit dem jungen Prinzen erzählte, sagte Franz Josef in einer Anwandlung von Aufrichtigkeit: Ja ja, das ist einer meiner Offiziere, ich kenne ihn. Eine sehr ambitiöse Natur, ziemlich gierig und äußerst anmaßend, ein unsympathischer Mensch. Den kann ich Ihnen nicht als Herrscher empfehlen‘. ...“

(Das bulgarische Parlament wählte in freier Abstimmung im Juni 1887 den Prinzen Ferdinand von Coburg-Gotha zum Fürsten. Die russische Regierung protestierte erfolglos, da der Berliner Kongreß den Bulgaren die freie Wahl ihres Herrschers garantiert hatte.)

„Das Volk“, fuhr Weltscheff fort, „mochte den König Ferdinand niemals. Neben seinen sonstigen schlechten Eigenschaften war er auch abergläubisch. Er hatte Angst vor der Zahl 13, und am Dienstag fing er nichts an. Auch vor brennenden Öllampen hatte er Furcht. Unglücklicherweise war Boris seinem Vater sehr ähnlich. Eigenwillig, tückisch, ängstlich. Er schreckte vor nichts zurück, wenn es galt, sich eines Gegners zu entledigen, aber es fehlte ihm die Courage, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Boris war Anhänger einer orthodoxen Sekte, bekannt unter dem Namen ‚Weiße Bruderschaft‘, die einen Sonnenkult trieb und die dem Volk absonderlich und undurchsichtig war, aber keinerlei Einfluß hatte. Auch hierin zeigte sich ohne Zweifel etwas, was er von seinem Vater geerbt hatte. Im Privatleben war er einfach. Er liebte den Luxus nicht, zeigte sich als moderner Mensch. Sehr gerne fuhr er auf dem Führerstamd der Lokomotiven, lenkte sein Auto und versuchte, zum Unterschied von seinem Vater, durch Demagogie zu wirken. Boris mochte mich nicht und hatte wohl ständig vor mir Angst. Im Jahr 1920 entließen er und Stamboliski mich aus der Armee, und zwar wegen meiner Teilnahme an der Offiziersorganisation, zugleich mit anderen, die ihren Vorgesetzten verdächtig waren. Damals habe ich Jura studiert. Allein, ich wollte nicht Rechtsanwalt werden, sondern nahm einen Posten in einer Bank an. Da die Kameraden verlangten, daß ich in der Organisation blieb, wurde ich ihr Sekretär. Als Boris dies hörte, sagte er: Jetzt ist es mit dem Weltscheff noch schlechter als zur Zeit, da er in der Armee war‘ ...“

Ich bat Weltscheff, jetzt auf die Einzelheiten seines ersten Staatsstreichs vom 9. Juni 1923 zurückzukommen.

„Die Agrarier, die damals an der Macht waren, vergaßen sich so sehr, daß sie schließlich das ganze Land herausforderten. Stamboliski verstand von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht mehr, die gesunden Kräfte, die im Volk vorhanden waren, zu sehen und einzuschätzen. So machten die Agrarier große Dummheiten. Zum Beispiel stellte Stamboliski in jenem Rausch der Macht sich eine eigene Garde auf. Die Garde rekrutierte sich aus Gesinnungsgenossen, die auf die Kasernen verteilt, aber besser bezahlt wurden als die Soldaten. Diese Gardisten taten gar nichts. Sie aßen, tranken und faulenzten. Sie nannten sich Orange-Armee, nach der Farbe, die sie trugen. Das ärgerte die Bevölkerung und die Armee noch mehr.