Die Soziologie hat in Deutschland bisher eigentlich noch nie ein günstiges geistiges Klima finden können, doch bewiesen die auf dem diesjährigen Soziologentag in Detmold diskutierten Themen „Flüchtlingsfragen“ und „Bürokratisierung“, daß auch in dieser Wissenschaft gegenwärtig sehr wichtige praktische Ergebnisse erarbeitet werden. Prof. Dr. Fedor Stepun (München) arbeitete in seinem, sich auf eigene schmerzliche Erlebnisse gründenden Vortrag „Heimat und Fremde“ – er ist selbst russischer Emigrant – einen wesentlichen Unterschied zwischen Emigranten und Flüchtlingen heraus. Der Emigrant hat nach ihm eine Mission, der Flüchtling nicht. Emigrant ist nur derjenige, der seine Heimat verläßt, um in einem fremden Staatsgebilde für seine Heimat zu kämpfen. Dabei wenden sich die Menschen in der Regel solchen Staaten zu, die sie als geeignete Modelle für ihr künftiges ideales Staatswesen ansehen. Die politischen Emigranten büßen in der Fremde ihr Heimatgefühl nicht ein, da sie ja sehr aktiv tätig sind. Stepun unterscheidet weiter zwischen einer richtigen und falschen Einstellung zur Vergangenheit. Falsch ist es, sich an die Vergangenheit zu klammern und Prof. Dr. Schelsky (Hamburg) trug alsdann die Ergebnisse einer empirisch-soziologischen Untersuchung über die Flüchtlingsfamilie vor, die von Mitte 1949 bis Mitte 1950 von der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg durchgeführt wurde und 176 Familien erfaßte. Diese Enquete ergab, daß sich eine Reihe gemeinsamer Wandlungen in der Verfassung der Flüchtlingsfamilie, und zwar unabhängig von ihrer sozialen Differenzierung und Klassenlage, feststellen läßt. So konnte eine durchschnittliche Erhöhung der Stabilität dieser Familien beobachtet werden. Persönliche Spannungen in der Ehe seien einem bewußten Zusammenhalt gewichen. Gleichzeitig habe man aber eine soziale Isolierung konstatiert. Die Pflege der Beziehungen zu Bekannten, ja, sogar zu Verwandten, seien abgebrochen worden, neue Bekanntschaften würden nicht mehr gesucht. Parallel dazu träte ein politisches Desinteressement auf, eine vollständige Ablehnung der Teilnahme am Staatsleben. Typisch sei auch die negative Einstellung zu Fragen der Parteipolitik; man könne von einem „Ohne-uns“-Standpunkt sprechen. Die Flüchtlingsfamilie konzentriere sich vielmehr vollständig auf den wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufstieg und bringe daher auch sehr große Opfer für die Erziehung der Kinder. In den Elternbeiräten der Schulen seien die sonst so lethargischen Flüchtlinge überraschend aktiv. An Schulen und Hochschulen sei ein „verzweifelter Fleiß“ der Flüchtlinge festzustellen. Die Gefahr einer politischen Radikalisierung der Flüchtlinge glaubte Schelsky mit Rücksicht auf ihr angebliches politisches Desinteresse verneinen zu können.

Gegenüber einigen der von Schelsky vorgetragenen Ergebnisse muß man Bedenken anmelden – und dies geschah auch bereits in der Diskussion –, ohne daß dadurch der Wert dieser verdienstvollen Untersuchung herabgesetzt werden soll. So ist es zum Beispiel fraglich, ob die von Schelsky behauptete „Einigelung“ der Flüchtlingsfamilie allgemein zutrifft. Frau Dr. Elisabeth Pfeil wies darauf hin, daß gleichartige Untersuchungen in Bayern ergeben hätten, daß mehr als die Hälfte aller Vertriebenen geselligen Verkehr mit den Einheimischen pflege und daß mehr als die Hälfte aller in Bayern geschlossenen Ehen der Flüchtlinge mit Einheimischen abgeschlossen worden seien. 80 v. H. aller Befragten hätten die Mischehe bejaht! Man wird also bei einer Verallgemeinerung der Ergebnisse der Hamburger Untersuchung vorsichtig sein müssen.

Es wurde ebenfalls in der Diskussion darauf hingewiesen, daß seit dem Abschluß der Enquete in Schleswig-Holstein, also vor den Toren Hamburgs, das Auftreten und die Wahlerfolge des BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) einen politischen Erdrutsch herbeigeführt hätten und daß man jetzt nicht mehr von einem politischen Desinteresse der Flüchtlinge sprechen, noch mit Sicherheit eine politische Radikalisierung dieser Million heimatvertriebener und entrechteter Menschen ausschließen könne.

Anton Zottmann