München, Ende Oktober

Die Wirklichkeit von heute duldet den Forscher im elfenbeinernen Turm seiner Wissenschaft nicht mehr. Zwar entbehrt die gedankenlose Gleichsetzung der Naturerkenntnis mit der Anwendung ihrer Ergebnisse jeder Grundlage. Aber die allgemeine, und das heißt: die politisch tragende Meinung bildet sich nun einmal an der Oberfläche und nicht in der Tiefe. Zu dieser Bedrängnis des Forschers von außen kommt eine Not, die ihre Wurzeln in seiner eigenen Situation hat. Seine Arbeit ist beladen mit dem Fluch des Spezialistentums. Aus dieser verzweifelten Lage zwischen der Scylla eines verantwortungslosen, weil die Tatsachen verachtenden Philosophierens ins Blaue und der Charybdis der Verödung des Geistes in einem positivistischen Spezialistentum gibt es einen Weg der Rettung. Das ist der Kongreß und das Kolloquium der „Fachvertreter“ auf der Ebene der Begegnung im Menschlichen.

In der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte hat die deutsche Wissenschaft das Glück, schon seit ihrem Gründungsjahr 1822 über ein solches Instrument zu verfügen. Die stolze Geschichte ihrer Versammlungen ist die jüngere Geschichte des deutschen Forschergeistes überhaupt. Da glänzen auf der Berliner Versammlung im Jahre 1828 die Namen eines K. E. v. Baer, des Schöpfers der modernen Entwicklungslehre, des großen Chemikers Berzelius, des Mathematikers Gauß, des Entdeckers des Elektromagnetismus Oerstedt, des Mannes, der zum ersten Male einen „organischen“ Stoff im Laboratorium erzeugt, Wähler neben dem Dreigestirn der großen Ärzte Heim, Dieffenbach und Hufeland. Die Ära unter Alexander v. Humboldt wird abgelöst von der unter Rudolf Virchow. 1869 gesteht der Papst der Wissenschaft seiner Zeit, Helmholtz, dem Heilbronner Arzt Robert Mayer die Priorität der Entdeckung jenes Gesetzes von der Energie zu, das das Fundament aller modernen Naturwissenschaften ist. 1889 legt Hertz in Heidelberg seine Entdeckung der elektrischen Wellen dar. 1910 gibt Paul Ehrlich in Königsberg als Begründer der modernen Chemotherapie sein Salvarsan bekannt. Planck, Einstein, Hilbert, Sauerbruch, Bier, Hahn sind Namen unserer Tage.

Und nun trafen sich nach zwölfjähriger Pause bedeutendste deutsche Forscher an der eigens für solche Zwecke von ihrem Schöpfer v. Miller gedachten Staate, im wiedererstandenen Kongreßsaal des Deutschen Museums in München. Auf eine wie glänzende Geschichte die Gesellschaft auch zurückblicken kann – heute handelt es sich nicht darum, „neue Ergebnisse“ mitzuteilen und sich an Erfolgen zu berauschen. Der Sinn dieser Tagung lag tiefer. Der einzelne und – das ist sein Schicksal – einsame Forscher wurde aufgerufen, zur Besinnung auf seine Stellung im ganzen zu gelangen.

Dazu hatte der Bundespräsident Heuss ein Rezept mitgebracht, um einerseits die Brücke zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften zu schlagen und andererseits die Naturwissenschaften vor dem Wahn zu bewahren, zu dem die Exaktheit ihrer Methoden so leicht verführen kann; dem Wahn, absolute Wahrheiten zu besitzen. Dieses Rezept ist das Studium der Geschichte der Wissenschaften, das dem einzelnen den Wandel der Anschauungen und die historischen Bedingungen seiner eigenen Erkenntnis offenbar werden läßt.

Heute ist das „klassische“, von Descartes eröffnete Zeitalter der mechanischen Naturerkenntnis insbesondere durch die Entdeckung Max Plancks endgültig überwunden. Biologie, Medizin, Psychologie und so weiter haben ihre autonomen Denkweisen und eigenen Aspekte von der Wirklichkeit und gehen nicht in einem Monismus der Physik oder der Biologie auf. Darum gestaltete sich das Programm Professor G. v. Bergmanns, München, so, daß einmal das Bild der Physik durch Heisenberg, von Laue, Harteck entrollt wurde. Der Höhepunkt war das Wiedererscheinen Hermann Weyls, der über allgemeine Feldtheorie sprach. Zum andern fanden psychische und biologische Wirklichkeit in ihrem gegenseitigen Verhältnis ihre Darstellung durch Heß (Zürich), der Prinzipien organischer Ordnung am Beispiel des vegetativen Nervensystems darlegte, v. Holst (vom Max-Planck-Instistut für Meeresbiologie in Wilhelmshaven), der das gegenseitige Verhältnis von Sinnesapparat und Zentralnervensystem zeigte, und den Altmeister Vogt, der über die Gehirnlokalisationslehre sprach. Die untrennbare Zusammenarbeit von Naturwissenschaft und Medizin fand ihren Ausdruck in dem Eingehen auf eine Leistung, die in ihrer Verbindung von Wissenschaft und Industrie heute am meisten zur Geltung Deutschlands in der Welt beiträgt: die chemotherapeutische Forschung. Über deren Entwicklung, mit dem Salvarsan beginnend, über die Sulfonamide bis heute zum Tuberkulosemittel TBI, dem Conteben, erfuhr man von ihren Schöpfern selbst: dem Chemiker Mietzsch, dem experimentellen Mediziner Nobelpreisträger Domagk und dem Kliniker Klee (sämtlich in Elberfeld vereinigt unter dem Bayer-Kreuz).

Was aber immer wieder hinter den Leistungen der Einzelwissenschaften durchbrach, das war das Bekenntnis zum Irrationalen, zum Glauben als dem Grund, aus dem der lebendige Geist die Vielfachheit der Denkformen der verschiedenen Wissenschaften entfaltet. B. L.