Wie eine verzweifelt resignierende Moralpredigt mutet Georges Bernanos letzter Roman „Monsieur Ouine“ an, den Eckart Peterich mit schönem Einfühlungsvermögen übertragen und Jakob Hegner in Köln unter dem Titel „Die tote Gemeinde“ herausgebracht hat. (289 S. Leinen 11 DM). Das Buch, im brasi-Harnischen Exil entstanden, ist von einer tödlichen Hoffnungslosigkeit überschattet, deren Höllenbilder den verirrten Leser zur Umkehr bewegen sollen. Denn alles Reale hier ist symbolisch gemeint: die flämische Dorfgemeinde, die Gott verloren hat, entbehrt der Gnade und ist im Sog des Bösen zum Sterben verurteilt wie Monsieur Ouine und viele andere, und der konsequente Nihilismus, der hier nicht im kalten Klima des Existentialismus gedeiht, sondern in der überhitzten Atmosphäre des Bösen, möchte Furcht und Schrecken im Leser hervorrufen und ihm eine begnadende Katharsis ermöglichen. Der unaufgeklärte Mord an einem Hirtenknaben löst folgerichtig zuerst das geistige, dann das leibliche Sterben dieser von aller Welt abgeschnittenen Gemeinde aus; er frißt erbarmungslos wie eine unheilbare Krankheit um sich: jeder verfällt dem Genuß seiner abgründigen Schlechtigkeit – mehr oder weniger bewußt, wie der alte Monsieur Ouine mit den edlen Zügen eines Dostojewskijschen Zweiflers, mehr oder weniger zynisch wie der junge Steeny aus der Nachbarschaft der Gideschen Falschmünzer. Am Ende zwingt eine ganze Skala teuflischer Hellsichtigkeit und verdunkelnden Wahnsinns den Pfarrer dieses Ortes zu der bestürzenden Erkenntnis, daß er unter diesen Menschen nichts zu tun habe, diese Gemeinde sei tot, sei vielleicht schon lange gestorben, und Monsieur Ouine stellt am Ende aus höflicher. Distanz fest: „Das ärgste Unglück der Menschen ist, daß ihnen sogar das Böse langweilig wird.“

Es liegt die Frage nahe, ob nicht soviel verdunkelnde Mystifizierung der Überzeugungskraft des Predigers Bernanos abträglich sei. Die hektische Intensität seiner Gestalten übersteigert auch den Fluß der Erzählung und läßt das Böse nicht mehr einfach böse erscheinen, sondern bedürftig einer großen Geduld, wie sie der „arme Priester“ nicht mehr aufzubringen vermag. Die Symbolkraft, die mit dieser absterbenden Gemeinde eine in Selbstauflösung befindliche moderne Gesellschaft meint, wird in der Isolierung dieses Hexensabbats etwas kurzatmig. Georges Bernanos selber kehrte aus dem Exil zurück, enthielt sich weiterer romanhafter Darstellungen und war bis zu seinem vorzeitigen Tode ein leidenschaftlich mahnender Publizist wie einst Joseph von Görres: immer noch einer großen Geduld fähig, ein gewaltig eifernder Prediger der Feder. Hans Georg Brenner