Am vergangenen Sonntag ist ein Mann gestorben, dessen Leben eine ungewöhnlich weite Spanne umfaßte. Als er ein Kind war, hat ihn noch seine Urgroßmutter, die Gemahlin Bernadottes, des Feldherrn Napoleons I. und späteren schwedischen Königs, gepflegt. Jetzt erlag er im Alter von 92 Jahren auf Schloß Drottningholm bei Stockholm einer schweren chronischen Bronchitis: König Gustav. V. von Schweden. – Drei Monate zuvor hatte der greise Monarch von seinem Arzt und Freunde Axel Munthe Abschied genommen und ihm die drei Schaufeln Erde ins Grab geworfen – und, wenn die Freunde sterben, ist das für einen alten Mann kein Impuls zum Weiterleben.

Viele Freunde sind ihm gestorben: seine Frau, die Prinzessin Viktoria von Baden, mit der er sich 1881 vermählt hatte, verließ ihn 1930. Seine Schwiegertochter, Prinzessin Marguerite von Connaught, die Nichte König Eduards VII., die er besonders liebte, starb schon 1920. Viele Bekannte, mit denen er nicht gerade befreundet war, sind vor ihm aus dem Leben geschieden: Kaiser Wilhelm I. von Deutschland (zu ihm machte der junge Gustav als Kronprinz im Jahre 1874 seine erste. Auslandsreise), Wilhelm II., die Königin Viktoria von England, Napoleon III. E. ist eine lange Reihe. Epochen sind an ihm vorübergegangen: nie Viktorianische Ära, das Reich Bismarcks, der erste Weltkrieg, die russische Revolution, Versailles, die Weimarer Republik, Mussolini, das nationalsozialistische Deutschland, der zweite Weltkrieg, die Berliner Blockade, Korea ... Als er jung war, malte Spitzweg den „Armen Poeten“, als er den Thron bestieg (es war am 8. Dezember 1907) waren es noch wenige Jahre bis zum „Turm der blauen Pferde?“ von Franz Marc. In seiner Jugend hatte das, etwa 20 Jahre zuvor erschienene Buch „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Eichendorff zu seiner Lektüre gehören können, zwei Jahre vor seinem Tode führte das Stockholmer Theater Jean Paul Sartres „Ehrbare Dirne“ auf. Er hat dies alles gesehen, gehört, gelesen und überdauert. Die Kontinuität seines Lebens war stärker als Nationalsozialismus und Faschismus, als Biedermeier und Surrealismus.

Die Schweden haben diesen König geliebt. Nicht etwa, weil er allmählich das biblische Alter erreichte und weil man mit so alten Leuten gern nachsichtig und bereit ist, das Beste an ihnen zu finden. So ist Franz Josef von Österreich zu einer Verehrung gekommen, die dem Menschen und Monarchen nicht immer zustand; so hat man Wilhelm II. verehrt, als er, ein alter Mann und ein Flüchtling, in Doorn nichts mehr zum Heil oder Unheil seines Volkes beitragen konnte. Gustav von Schweden wurde geliebt als Friedensfürst. Er war 43 Jahre lang Regent eines Landes, das, wenn auch seit der Schlacht von Poltawa vor 200 Jahren nicht mehr eine Großmacht, doch immer noch wichtig genug war, um in den ersten und zweiten Weltkrieg verwickelt zu werden, hätte er es weniger geschickt regiert. Die Politik Schwedens unter diesem König war im großen gesehen vielleicht manchmal zu zurückhaltend um des Friedens willen, sie war aber voller Menschlichkeit im einzelnen, wie die Politik kaum eines anderen europäischen Landes in den vergangenen Epochen.

Es ist schwer zu sagen, wie das verwirrende Kaleidoskop der Jahrzehnte auf einen Mann gewirkt haben mag, der diese ganze Zeit über König sein mußte. Aber er hat es durchgestanden. Zur Kontinuität seines Lebens kam die Kontinuität seiner Persönlichkeit. So starb nicht nur ein alter Mann, ein König und ein gescheiter Politiker – es starb ein Mensch, der mit einer so großen innerlichen Treue zu sich selbst stand, daß das Schicksal ihn getrost 92 Jahre alt werden lassen konnte, ohne befürchten zu müssen, daß er auch nur einmal in dieser langen Spanne der tiefen Sprunghaftigkeit der an ihm vorübergehenden Zeit zum Opfer fallen würde.

P. H.