Erinnern Sie sich noch der vielgleisigen Devisenpolitik und der Mengenkontingentierung von Dr. Schacht? Dieses Außenhandelssystem hat Dr. Stikker, holländischer Minister, Befürworter der Benelux-Union und Präsident der Europäischen Marshall-Plan-Organisation (OEEC), beschworen, als er in Luxemburg offiziell und öffentlich vom möglichen Devisenbankrott Deutschlands sprach. Seit diesem 21. Oktober ist die deutsche Wirtschafts- und Devisenpolitik im internationalen Gespräch. Deutschlands Lieferanten sind ebenso nervös geworden wie die deutschen Importeure. Mit Recht?

Unsere Produktion, seit der Währungsreform stetig gewachsen, hat durch „Korea“ zusätzlichen Auftrieb erfahren. Auftragseingang und Liefermöglichkeit stimmen nicht mehr überein. Sollen die Aufträge für Export und Inland auch nur in etwa abgewickelt werden, dann brauchen wir bei der nun einmal gegebenen – und allseits gern gesehenen – Abhängigkeit vom Weltmarkt mehr Importe. Dieser Zwang zur verstärkten Einfuhr resultiert auch aus der Tatsache, daß in der bewußten Flaute bis zum Frühjahr die Vorräte überall klein gehalten worden waren, weil bei Preisdruck die Lagerhaltung ja nur kostet. Jetzt werden die Läger in Erwartung steigender Preise (und in der Spekulation auf eine £-Aufwertung – wir erwarten sie nicht) wieder aufgefüllt; auch von Regierungsseite wird „gehortet“. Man will Versorgungsengpässen, wie im Sommer beispielsweise bei Zucker, vorbeugen.

Wer aber bei beginnendem Verkäufermarkt Rohstoffe kaufen will, muß höhere Preise, per Kasse, selbst Vorkasse, zahlen. Und umgekehrt sind die deutschen Exporteure bei Rohwaren in ihrer Preisgestaltung oft durch politische Höchstpreise gebunden, müssen sie bei Fertigwaren die dort noch gültige Konkurrenz berücksichtigen – und sie liefern gegen Ziel. Sie taten dies freiwillig, um nach langen Jahren der Abkapselung wieder ins Geschäft zu kommen. Heute tun sie es freiwillig (zum Teil), weil Guthaben „draußen“ sicherer erscheinen müssen, als sie es bei uns, Minuten vom Eisernen Vorhang entfernt, je sein können.

Dieser Situation – Optimismus per Termin, Knappheit per Kasse – steht die relative Geldfülle im deutschen Inland gegenüber. Ausgelöst durch den hohen Kassenkredit der öffentlichen Hand seit Frühjahr, hat eine Geldausweitung stattgefunden, die ohne Korea wohl richtig war, mit Korea aber nicht mehr verantwortet werden, kann. Hinzu kommt, daß Deutschland am internationalen Geld-, Kredit-, Verrechnungsverkehr noch viel zu wenig beteiligt ist, um von dort eine Überbrückung erwarten zu können. Zwar sind wir Mitglied der Europäischen Zahlungsunion. Doch das uns von dort unter völlig anderen Voraussetzungen eingeräumte Kredit-Limit von 320 Mill. Verrechnungsdollar jährlich reicht nicht aus. Gelingt es nicht, von der EZU einen „strukturellen Kredit“ zu erhalten, dann, bleibt zum Abbau der dort aufgelaufenen Schulden, die sich schon jetzt auf rund vier Fünftel unserer Quote belaufen, nichts anderes übrig, als die eigene Importpolitik zu ändern, die Einfuhren also zu drosseln, bis die Tendenz zum Gleichgewicht wieder zu erkennen, das Vertrauen zurückgewonnen ist.

Das Rezept à la Schacht anzuwenden, die Devisenzuteilung und Importkontingentierung mit Festpreisen also, hieße, die Verknüpfung in den Weltmarkt aufgeben, ohne daß hierzu die Voraussetzungen bestehen, die Marktwirtschaft mit ihrem Leistungsanreiz und ihrer Dynamik verlassen und sich des sichersten Mittels gegen die östliche Heilslehre begeben! der wirtschaftlichen Freiheit. Der Markt muß bestimmend bleiben. Für die Engpässe Kohle, Energie, Eisen, einige NE-Metalle und Teile der Chemie mit großen. Investitionsbedürfnissen und politischen Preisen trifft man mit Recht Sonderregelungen. Alle anderen Wirtschaftszweige aber werden, ebenso mit Recht, indirekt „an die Hand genommen“.

Was tut man? Das Akzept-Kreditvolumen ist auf den Status vom 12. Oktober begrenzt. Die Mindestreserven stehen auf Höchstsatz. Bei Einfuhrwünschen sind 50 v. H. des künftigen Vertragswertes (Bardepot) im voraus einzuzahlen. Damit wurde erreicht, daß, laut Blüchers Mini-Einfuhr in den letzten drei Wochen Aus- und Einfuhr sich nun die Waage halten, wenn auch die Maßnahmen im einzelnen sich als hart erwiesen haben. Und jetzt wurde, damit der Export den Import überwiege, der Diskontsatz von 4 auf 6 v. H. erhöht. Umschlagskredit für Binnen- wie Auslandsgeschäft wird also nicht nur knapper, sondern auch teurer. Gut, diese Maßnahme ist nur ein Versuch. Viele lehnen sie ab. Wer aber kann Besseres empfehlen?

Wie sollen bei vollem Auftragsbestand und relativ knappem Geld die Preise steigen, wie so oft vermutet wird? Für Veränderungen innerhalb des Warenbündels und dem dazugehörigen Preisgefüge bleibt genügend Raum; aber in der Tendenz tritt eine Preisberuhigung ein. Sie sichert die Konkurrenzfähigkeit beim Export, verhindert spekulative Importe und gibt der Wirtschaftspolitik endlich Möglichkeit, die entglittenen Zügel wieder in die Hand zu bekommen. Und: wer von den Exporteuren Kapitalflucht-Absichten hatte, sieht den Geldwert im Innern wachsen – das beste Mittel, Devisenforderungen einzutreiben und somit ungewollt mitzuhelfen, die kurzfristig schwierige, durch die Korea-Weltmarktkonjunktur veranlaßte Situation ins reine zu bringen.

So gesehen ist der Bonner Entschluß, einer weiteren europäischen Liberalisierung von 60 auf 75 v. H. mit Wirkung vom 1. Februar 1951 zuzustimmen, kein Hazardspiel. Man ist sich eben des Unterschieds von Konjunktur und Struktur bewußt. Bernd Weinstein