Deutsche Kohlenbergbauleitung diskutiert die Stellung des jungen Menschen im Betrieb

Der größte Teil der deutschen Jugend ist der Wirtschaft anvertraut. Die Landwirtschaft, das Handwerk, die Industrie, der Handel und die sonstigen Gewerbe: alle stellen Jugendliche ein, die mit 14 Jahren die Schule verlassen haben, um sich nun beruflich auszubilden. Der Bergbau, muß jährlich etwa 25 000 Schulentlassene als Lehrlinge einstellen, wenn der Nachwuchs gesichert sein soll. Dazu kommt, daß unter den (in den beiden letzten Jahren angelernten) 100 000 Neubergleuten eine große Anzahl junger Menschen ist. So ist der Anteil der 16- bis 25 jährigen bei den Untertagearbeitern im Ruhrbergbau von 22,4 v. H. im Jahr 1948 auf 30 v. H. bis zur Jahresmitte 1950 angestiegen. Die stärkste Altersgruppe unter Tage stellen jetzt wieder die 20- bis 23jährigen. Gegegenüber 1939 ist die Zahl der jungen Untertagearbeiter, im Alter von 16 bis 25 Jahren, von 25 640 auf heute 83 545 gestiegen: also auf mehr als das Dreifache. Die Jungbergleute stehen zu den „Veteranen“ unter den eigentlichen Bergleuten, den Kohlen- und Gesteinshauern vor Ort und am Kohlenstoß, wo die 42– bis 48jährigen den Kern dieser wichtigsten Gruppe der Gedingearbeiter stellen, also altersmäßig durchaus im Verhältnis von Söhnen zu Vätern. Dieser Einblick in die Verjüngung und in den zahlenstarken Nachwuchs läßt erkennen, daß es dem Bergbau durchaus gelungen ist, die jungen Menschen an sich zu ziehen.

Wir haben häufig mit einem gewissen Erstaunen festgestellt“, so sagte Dr. Kost, der Generaldirektor der DKBL (Deutschen Kohlenbergbauleitung) anläßlich der letzten Bergbau-Tagung in Essen, „daß die Jugend lange Zeit die Vorzüge unseres bergmännischen Berufes nicht erkannte, die letztlich darin liegen, daß jeder einzelne für sich und für seine Umgebung eine gewaltige persönliche Verantwortung bei seiner Arbeit übernimmt, daß jeder einzelne mit den Gewalten der Natur zu kämpfen hat und die Kräfte der Natur, die in der Erde gebannt liegen, für die Erleichterung seiner Arbeit anwenden kann – ähnlich, wie der Schiffer auf hoher See den Wind und das Wasser sich zunutze macht. Alles das fordert ganze Männer und eine heroische Haltung, zu der unsere Jugend sich zu allen Zeiten hingezogen gefühlt hat. Die Kräfte der Natur unter Tage sind nicht so leicht zu erkennen, zu bewältigen und nutzbar zu machen wie die Naturkräfte auf der Erdoberfläche, die wir sehen und fühlen; es ist notwendig, die jugendlichen Gemüter allmählich an diese Kräfte heranzuführen und sie damit vertraut zu machen, ihnen die Fähigkeiten, jene Kräfte zu beherrschen, beizubringen und nicht, wie das sonst sehr leicht der Fall ist, sie davor abzuschrecken. Der kameradschaftliche Geist und das Zusammenhalten aller Tätigen ist seit jeher im Bergbau Brauch gewesen und hat sich ohne Unterbrechung im Zuge der Jahrhunderte bewährt.“

Wenn Dr. Kost die Aufgabe stellte, diesen Kameradschaftsgeist in den Berglehrlingen zu wecken und zu pflegen, so darf man anfügen, daß es offenbar gelungen ist, ihn bei so vielen jungen Menschen anzusprechen, da sie nun doch in großer Zahl zum Bergbau kommen, wo sie das finden, was sie suchen und was sie brauchen: Kameradschaft. Dr. Kost hat auch darauf hingewiesen, daß der Bergbau für die jüngsten seines Nachwuchses Berglehrlingsheime eingerichtet hat und auf diesem Wege weiterschreiten wird. Die Erfahrung zeigt, daß die Erziehung in den Berglehrlingsheimen überall dort von Erfolg ist, wo richtige, erziehungsberechtigte Heimleiter eingesetzt sind, auf deren Auswahl deshalb die größte Sorgfalt verwandt wird. Auch sind daneben von verschiedenen Zechengesellschaften Pestalozzi-Dörfer entwickelt worden. Die DKBL selbst hat zugunsten elternloser Kinder, die nicht in der Familie aufwachsen können, das Jugenddorf Adelheide bei Delmenhorst weitgehend unterstützt, um ihnen dort eine neue Heimat und einen neuen Glauben zu geben. Von dort sind viele Berglehrlinge nun schon in die Betriebe übergewechselt und fühlen sich da wohl. Das ergibt sich, weil in dem jungen Menschen überall nicht nur die reale, materialistische Seite des Lebens angesprochen wird:

„Gewiß, sie müssen die reale Seite des Lebens kennenlernen und dazu erzogen werden; aber daneben müssen auch die anderen Fragen, die Seele und Geist des Menschen angehen, an sie herangebracht werden.“ So hat unsere Jugend im Bergbau mit großem, von mancher Seite unerwartetem. Interesse den freiwillig zu besuchenden Religionsunterricht aufgenommen.

Gemeinschaftsgeist im Betrieb

Über den Verantwortungsbereich der DKBL und ihrer Zechen für die ihr anvertrauten jungen Menschen im Bergbau hinaus lenkte Dr. Kost die Betrachtung auf das Jugendproblem überhaupt. Dabei war es von besonderem Interesse, wie der (die Arbeiterfragen innerhalb der DKBL behandelnde) Oberbürgermeister Martmöller den „Arbeiter im Bergbau“, seine innere Haltung und sein Verhältnis zum Betrieb, schilderte. Besonders für den Bergbau sind diese Fragen von Wichtigkeit, weil das Problem des Nachwuchses hier eine größere Rolle spielt als in jedem anderen Betrieb. Denn für die gesamte Volkswirtschaft ist das Produktionsergebnis des Bergbaus von erheblicher Bedeutung.