Von Joachim Günther

Maria, der Mutter Christi, wird von allen christlichen Glaubensbekenntnissen, die auf dem Apostolikum beruhen, der paradoxe Charakter einer jungfräulichen Mutter zugesprochen. Kein Geringerer als Karl Barth hat betont, daß das Grunddogma der Jungfrauengeburt Christi Wache halte vor dem Geheimnis der Weihnacht und niemals aufgegeben werden dürfe, wenn man nicht den Kern des christlichen Glaubens antasten will. Soweit sind sich Katholische und Evangelische einig. Die Differenzen beginnen mit den Folgerungen für das religiöse Leben. Die einen häufen auf Maria bewußt alle nur denkbaren Ehren. Die anderen entziehen diese der „Mutter Gottes“ ebenso bewußt und haben sich ungewollt in ein seltsam frostiges Verhältnis zu Maria drängen lassen. Die Gegensätze kamen schon im vorigen Jahrhundert bei der Frage der „Immaculata conceptio“ zutage. 1854 wurde die Jungfrau Maria durch einen päpstlichen Spruch als „Unbefleckte Empfängnis“ nominiert. Sie führt diese ins Substantivische gewendete Bezeichnung für die Katholiken gewissermaßen als Name. Wer das Buch Werfels „Das Lied von Bernadette“ gelesen oder den nach ihm gemachten Film gesehen hat, wird sich vielleicht erinnern, daß die Marienerscheinung von Lourdes sich dem Mädchen Bernadette unter jenem wunderlichen Namen vorgestellt haben soll. Der Sinn dieser Bezeichnung ist, daß Maria nicht nur den Gottessohn unbefleckt empfangen habe, sondern auch selbst kein „Kind der Sünde“ sei. Ihr eigener Leib, obwohl von ihren Eltern gezeugt, soll auf eine geheimnisvolle Weise von Gott für seine Aufgabe vorbereitet worden sein. Sie habe im Hinblick auf die Verdienste Christi das erlöste, sündlose, übernatürliche Leben, das allen anderen Gläubigen erst durch das Kreuz von Golgatha vermittelt wurde, als einziger Mensch schon vorher empfangen. Eine naheliegende Folge und ein Gegenstück zu dieser von der Norm abweichenden Geburt ist nun das neue Dogma von Marias Himmelfahrt, einer Himmelfahrt nicht nur der Seele, sondern auch in einem verklärten Leibe, also gewissermaßen ihre vorweggenommene Auferstehung.

Die Himmelfahrt Marias, die am 15. August liturgisch begangen wird, ist an sich für den christlichen Glauben weder etwas Neues, noch enthält sie für ein eingewöhntes Glaubensleben unüberwindliche Schwierigkeiten. Sie läßt sich als lebendiger Glaubensbestandteil bis ins vierte Jahrhundert zurückverfolgen und wird auch von der Ostkirche vertreten. Die bildende Kunst hat ihr unzählige Darstellungen gewidmet, unter denen diejenige Tizians wohl die bekannteste ist. Die „Assunta“ gilt in der Kunstgeschichte als allbekannte Vokabel. Es ist aber etwas anderes, ob man eine solche Vorstellung in der Kunst und in der christlichen Legende, vielleicht auch im subjektiven Glaubensleben liebevoll duldet, oder ob sie als unabdinglicher Glaubensbestandteil abverlangt wird.

Wenn vielem Protestanten aller Schattierungen gegen jede „Mariologie“, wie man die Marienkunde und Mariendogmatik nennt, voreingenommen sind, so entspringt dies zwar einerseits ihrem theologischen „Schriftprinzip“, das nur von der Bibel bezeugte Glaubenswahrheiten anerkennt. Andererseits spielt aber sicherlich auch das Gefühl für die Angestrengtheit des modernen Glaubenslebens schon durch die „wesentlichen“ Glaubenswahrheiten eine verborgene Rolle, so daß Altes und Neues, Rückkehr zu den Quellen und Modernität sich in diesen Tendenzen merkwürdig gemischt haben. Außer der Jungfrauengeburt läßt sich nun, auch nach katholischem Eingeständnis, kein Glaubenssatz über Maria biblisch beweisen. Man greift auf die Tradition und eine logische Weiterentwicklung in der Schrift geoffenbarter Wahrheiten zurück, um die „unbefleckte Empfängnis“ und nun auch ihr Widerspiel, die „leibliche Himmelfahrt“ Mariä dogmatisch zu unterbauen.

Wenn ein Blatt sich bewegt, kann auch der Ast mitzittern, sagt ein chinesisches Sprichwort. Seit der Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas vor fast hundert Jahren hat es kein so heftiges, animoses Reagieren der christlichen Konfessionen gegeneinander gegeben, und dies in einer Zeit, die sonst viel eher durch Annäherung im Gedanken der „Una sancta“ gekennzeichnet ist. Protestanten sind einmal wieder „Protestanten“ geworden im Sinne ihres ursprünglichen Namens, der sonst heute gern durch die positive Bezeichnung „evangelisch“ ersetzt wird. Die anglikanische Kirche „bedauert es tief, daß die römisch-katholische Kirche den Weg einer verstärkten dogmatischen Unterscheidung innerhalb der Christenheit gewählt und damit die wachsende Verständigung zwischen den Christen schwer beeinträchtigt hat“. Die Katholiken wiederum „erfahren bei dieser Gelegenheit nachdrücklich, welche wesentlichen Unterschiede sie von den protestantischen Christen trennen“. In ihrer Apologetik taucht auch ein reizvoller, wenn schon gewiß nicht unbedenklicher Gedankengang auf, der in der sonst oft an Wiederholung leidenden Ideengeschichte des Christentums neu sein dürfte. Christus habe verheißen, daß die Welt stets an ihm Ärgernis nehmen werde. Nun nehme die heutige Welt zwar nicht mehr Ärgernis an Christus selbst, wohl aber an Maria. Marienfrömmigkeit und Marienbekenntnis wirkten auf viele Christen ähnlich wie seinerzeit auf die Juden das Bekenntnis zu Christus als „Skandalon“. Von solchen Gedankengängen her fühlt die katholische Kirche sich heute als Beschützerin der Mutter Gottes und zugleich in einem fast familiär intimen Sinne als Hüterin des christlichen Geheimnisses.

Die katholischen Gläubigen aller Welt sollen durch ihre Bischöfe das neue Dogma mit einer überwältigenden Mehrheit nicht nur gutgeheißen, sondern in unzähligen Petitionen stürmisch gewünscht haben. Es werde ohnehin, wie der kürzlich durch Deutschland gekommene Negerbischof gesagt hat, unter seinen Gläubigen nichts anderes geglaubt, so daß man sich eher wundern werde, wozu ein solcher Glaubenssatz überhaupt noch verkündet werden müsse.

Der heilige Damascenus hat erzählt, daß die Mutter Jesu der Weisung am Kreuz entsprechend vom Jünger Johannes in sein Haus aufgenommen worden sei. Als die Apostelgemeinde sich in Jerusalem auflöste, siedelten Johannes und Maria nach Ephesus über. In Ephesus sei Maria gestorben, und ihr Tod habe die verstreuten Apostel auf eine übernatürliche Weise nach Ephesus zusammengerufen. Als sie jedoch an das Grab gekommen seien, wäre es leer gewesen und ein lieblicher Blumenduft sei ihnen entgegengeweht. – Auch die katholische Kirche, die diese Legende in ihr priesterliches Brevier aufgenommen hat, glaubt sicherlich nicht, mit ihr das neue Dogma begründen zu können. Die große Gefahr, das Osterereignis durch solche Duplikationen um seinen Ernst, seine Würde und seine Intensität zu bringen, wird gewiß nicht nur von allen Protestanten empfunden. Dennoch ist Rom seinen Weg zu dem neuen Dogma, unbeirrt von den Widersprüchen der Zeit und der übrigen Christenheit, vorangegangen. Die Apologeten der römischen Kirche sehen in dem neuen Dogma sogar eine Kraft für die Geisteskämpfe der Zeit. Marias leibliche Himmelfahrt befestige und beweise den Auferstehungsglauben. Der viel verratene und herabgesetzte menschliche Leib werde in diesem Dogma im Sinne der biblischen Offenbarung verherrlicht und mit ihm die Würde der Geschlechtlichkeit, die von Gott dazu ersehen sei, neues leibliches Leben hervorzubringen.

So zeigt sich an einer für den Ungläubigen vielleicht absurd weltfernen Einzelfrage, welch unerhört verzweigtes und sensibles Nervengeflecht den großen Organismus des Christentums durchzieht und alle über die Welt verteilten Glieder an seinen Schmerzen wie an seinen Wachstumsprozessen auch heute noch mit ungeschwächter Lebhaftigkeit beteiligt.