Wegen Beleidigung will die Gemeinde Oberammergau den fraktionslosen Landtagsabgeordneten Dr. Max Rief verklagen, weil er in einer Sitzung des Finanzausschusses des bayrischen Landtages die Einwohner des Passionsdorfes dreimal als „Oberammergauner“ bezeichnet habe. Der Gemeinderat. in Oberammergau beschloß, sich in seinen nächsten Sitzungen der Klage energisch anzunehmen.

In diesen nächsten Sitzungen der Bürger von Oberammergau wird sicher auch noch ein anderer Punkt auf der Tagesordnung stehen! das Unglück der 157 Flüchtlingsfamilien, die bei Beginn der Passionsspiele ihre Wohnungen freiwillig geräumt hatten, um für die Festspielgäste Platz zu schaffen. Die Flüchtlinge waren in engen Notquartieren untergebracht worden; als sie jetzt in ihre alten Wohnungen zurückkehren wollten, weigerten sich die Oberammergauer Hausbesitzer, sie wieder aufzunehmen. Sie seien ein konzessionierter Fremdenverkehrsbetrieb, erklärten sie; und kraft eines neuen bayrischen Gesetzes könnten daher bei ihnen keine Zwangseinweisungen mehr vorgenommen werden.

Da sieht man, wie man sich irren kann: alle Welt glaubte, Oberammergau sei mit seinen Passionsspielen ein sichtbares Symbol christlicher Lebenshaltung, deren oberster Grundsatz der von der Nächstenliebe ist – statt dessen ist es ein „konzessionierter Fremdenverkehrsbetrieb“. Da ist freilich für die Flüchtlinge wenig zu hoffen – Die Spieler der Passion hingegen reisten vor einigen Tagen nach Rom. Der Heilige Vater empfing sie. Augenscheinlich hatte auch er von Oberammergau geglaubt, was alle Welt (mit Ausnahme des Abgeordneten Dr. Rief) bisher glaubte, denn es wird berichtet, daß er sie segnete. P. H.