Ia Genf werden sich am 14. November die europäischen Länder zu einer Getreidekonferenz zusammenfinden. Rußland hat dem Wunsch nach einer solchen. Konferenz zugestimmt. Sie kommt auf Betreiben Gunnar – Myrdals, des Generalsekretärs der Economic Commission for Europa, zustande. Er ist elf Monate von Hauptstadt zu Hauptstadt gereist. Bereits im August haben ihm die Nationen Westeuropas mitgeteilt, daß sie an zusätzlichen Mengen Weizen und Futtergetreide aus Osteuropa interessiert wären. Es handelt sich um 600 000 t Weizen, 500 000 t Roggen und 3 Mill. t Hafer, Gerste und Mais.

Was kann Moskau bewogen haben, im Prinzip „ja“ zu sagen? Glaubt es, in den USA werde es kriseln, wenn dieses Land seinen Getreideüberschuß nicht mehr an Europa geben kann? Glaubt es, eine versöhnliche Geste im heiß-kalten Krieg könne nichts schaden, Hintertüren gäbe es immer? Glaubt es, die Gegenlieferungen (Erzeugnisse die im Westen Exportbeschränkungen nicht unterliegen! nötiger zu haben, als die vom Westen gewünschte Menge an Brot- und Futtergetreide? Gebunden wird ja nur der Westen, der seine Gegenlieferung in Nord- und Südamerika gegen das bisher von dort bezogene Getreide – und politische Freunde verliert. Denn der Satz, daß gegenseitige Lieferungen die Partner enger zusammenführen. trifft für den Ost-West-Handel kaum zu Patent- und Lizenzrecht kennt der Osten nicht. Und alles, was er erhält, dient nur der Vollendung der Autarkie.

Die USA haben bereits zu erkennen gegeben, daß sie bereit sind, Druckmaßnahmen anzuwenden, um diese Form von Ost-West-Handel zu unterbinden, wenn von seiten der UdSSR als Gegenleistung die Lieferung von Kriegsmaterial oder Maschinen und Ausrüstungsgegenständen, die die Herstellung von Kriegsmaterial ermöglichen, gefordert wird. Doch was heißt Kriegsmaterial? Wer mit einem totalen Krieg glaubt rechnen zu müssen, weiß, daß auch eine Nähnadel kriegswichtig sein kann. Und: auch die Vereinigten Staaten haben Exportsorgen. Zwar sind sie von dem Gedanken durchdrungen, lieber eines Tages auf hohen Beständen sitzenbleiben zu müssen, als nur den Anschein einer möglichen Versorgungsstörung für sich und die westliche Welt zu erwecken. Die anhaltend guten Ernten in Nordamerika und die vorhandenen Bestände lassen jedoch zwangsläufig die Frage entstehen, wohin diese Überschüsse abgesetzt werden können – selbst wenn die Vorratshaltung weiter ausgedehnt wird. Der Bedarf ist in Westeuropa vorhanden. nicht aber die Bezahlungsmöglichkeit. Der Dollarmangel ist entscheidend für die Importnationen. Das drängt sie zu der Überlegung, wo sie ihren zusätzlichen Bedarf künftig decken sollen. Denn der amerikanische Kongreß hat die Marshall-Dollar gekürzt. Zwar ist der wirtschaftliche Wiederaufbau unverkennbar. Aber er wird – seit Korea – zugunsten der unumgänglichen Verteidigungspolitik des Westens gehemmt.

Viele europäische Käufer haben (auch im Rahmen einer Vorratspolitik) in den USA um eine Erhöhung der Dollarzuweisungen nachgesucht. Aber solange die Weltmarktpreise gerade infolge dieser allgemeinen Vorratspolitik nicht absinken, wird der Bedarf an ERP-Geldern mehr und mehr wachsen: Die hohen Stützungspreise für Getreide in den USA sind die eigentliche Veranlassung, daß Europa sich nach anderen, billigeren Quellen umsieht. Was liegt näher, als an die Sowjetunion zu denken?

Rußland hat durch seine Kontrakte mit Großbritannien seit 1948 bewiesen, daß es lieferfähig ist. Ob allerdings die jetzt erwogenen Mengen (insbesondere an Futtergetreide) vorhanden sind, das erscheint zweifelhaft. Die Sowjets sind zur Zeit bemüht, ihre Viehbestände aufzubauen und brauchen naturgemäß erhebliche Mengen Futtergetreide hierfür. Selbst wenn man unterstellt, daß Rußland auf Kosten der Versorgung der eigenen Bevölkerung jede nur mögliche Menge für den Export freimachen wollte, so würde es kaum diese 3 Mill. t Futtergetreide liefern können. Eine Entlastung aus anderen osteuropäischen Ländern, kann auch nicht erfolgen, da hier die Maisernte dieses Jahr recht schlecht ist, bei befriedigender Weizenernte. Eher muß man annehmen, daß die Satelliten Rußland auf Lieferungen von Futtergetreide in ihren Bereich drängen werden. – Beruht die Verhandlungswilligkeit des Ostens vielleicht auf finanziellen Notwendigkeiten? Fest steht, daß Rußland sich auf dem Devisengebiet in einem ausgesprochenen Engpaß befindet, will es die Einkäufe an Ausrüstungen und Maschinen vom Westen weiterführen.

Noch also ist nichts klar zu übersehen. Die internationale Getreidekonferenz, wird zudem den Abschluß eines Abkommens, ähnlich dem Weizenabkommen für die europäischen Staaten, kaum beabsichtigen. Vielmehr werden die Importländer ihre Einkaufsbedingungen vorlegen und Rußland wird auf dieser Basis individuelle Kontrakte mit einzelnen Ländern aushandeln. Ein neues internationales Abkommen könnte auch nur unter Einschluß der Vereinigten Staaten und der anderen großen Exportnationen aus Übersee geschlossen werden. Auch bietet die Genfer Konferenz für Rußland keine Möglichkeit, das gegenwärtige Preisgefüge zu stürzen, das derzeitig durch eine Art Monopol seitens der Vereinigten Staaten, seitens Kanadas, Australiens und Argentiniens künstlich hoch aufrechterhalten wird.

Letztlich wird ein Erfolg oder Mißerfolg in Genf entscheidend davon abhängen, welche zusätzlichen politischen Forderungen vom Osten dort gestellt werden. St./W.