Der britische Versorgungsminister George Strauß, der für das Atomforschungsinstitut Harwell verantwortlich ist, in dem Professor Pontecorvo in leitender Stellung arbeitete, hat kürzlich versichert, daß die politische Oberprüfung des Geflüchteten einwandfreie Ergebnisse gezeitigt habe. Es ist beruhigend zu hören, daß offenbar nicht das politische Testverfahren sich irrte, als es den Freund von Klaus Fuchs überprüfte, sondern daß dieser irrtümlicherweise über Stockholm, Helsinki nach Sowjetrußland reiste, anstatt zu seiner Wirkungsstätte nach England zurückzukehren. Es ist beruhigend, weil wir sonst irre werden müßten an den Grundlagen unseres modernen Lebens und der heutigen Staatsautorität: dem Fragebogen und dem Testverfahren. Nichts würde mehr stimmen, weder die Klassifizierung der Staatsbürger noch die Feststellung, wer schuld war, und wer nicht, wer zur Einwanderung, zum Aufbau und zur Mitarbeit geeignet ist und wer nicht. Wahrhaftig, es wäre schlimm um uns bestellt, denn an was sollten wir uns wohl noch halten, wenn nicht an Schemata, Kategorien und Fragebogen, nachdem die Fähigkeit zwischen echt und unecht zu unterscheiden und jedes persönliche Urteilsvermögen verlorengegangen sind?

Freilich gilt das nur für die Erwachsenen, die die Welt nach ihrem Bilde geformt haben – Pontecorvo bestand die zweimalige Prüfung zur Zufriedenheit der Bürokraten – aber sein fünfjähriger Sohn, der noch außerhalb dieser Spielregeln steht, sagte mehr aus, als das Testverfahren dem Professor zu entlocken vermochte. Er rief nämlich, so berichteten es die mitreisenden Flugpassagiere, „Hurra“, als die Aalandsinseln in Sicht kamen, und wenn der Grund für diese emphatische Begeisterung zunächst auch noch im Dunkeln blieb, so wurde das Motiv doch unmißverständlich deutlich, als er bei der Fahrt durch Helsinki ganz aufgeregt fragte: „Sind wir jetzt in Rußland, Vati?“

In einem Gedicht von Novalis heißt es: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen ... dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.“ Und Odd Nansen, einer der letzten wirklichen Menschen, hat neulich in Hamburg gesagt, alle Welt schaue wie gebannt auf die Atombombe und glaube, daß sie die größte Gefahr für die Menschheit sei. Niemand aber bemerke, daß das eigentliche Chaos uns viel unmittelbarer bedroht durch den Glauben an das Papier als letzte Instanz und an die Bürokratie, die gut und schlecht wahllos vermischt. Dff.