Der belgische Dramatiker Ghelderode

Meine Mutter gebar mich in ein Jahrhundert, das nicht das meine ist, worüber ich mich oft sehr geärgert habe. („Mes Statues“)

Michel de Ghelderode, zweiundfünfzig Jahre alt, ist vlämischer Abkunft, Sohn eines kleinen Beamten am Brüsseler Staatsarchiv. Er war schon früh ein Einzelgänger, versessen auf Musik, Malerei und Literatur. Mit ach zehn Jahren schrieb und veröffentlichte er einen komischen Roman im Stil De Costers. Bald aber stürzte er sich in die Produktion für das Theater. Es entstanden an die fünfzig Dramen in französischer Sprache, von denen eine ganze Reihe in Antwerpen am Vlaamschen Volkstooneel aufgeführt wurden, in vlämischer Übertragung. Da aber ein Stück in Antwerpen normalerweise nur viermal gespielt werden, kann, blieb die Wirkung begrenzt. Ghelderode schien zur Rolle einer folkloristischen Merkwürdigkeit verurteilt. An wirtschaftliche Unabhängigkeit war dabei nicht zu denken. Als Ausweg blieb: der früher verschmähte Beruf des Vaters. Michel wurde Beamter am Brüsseler Staatsarchiv. Unterernährung und Kohlenmangel während der Kriegsjahre warfen ihn aufs Krankenbett. Ein Herzasthma, das unheilbar schien, gestattete ihm für fast zehn Jahre nur ein erbarmungswürdiges Vegetieren.

Aber 1948 zog das große Glück in die häßliche Brüsseler Vorstadt Schaerbeck ein, wo Ghelderodes wohnen. Die Verwandlung des Dichters begann, als die Nachricht eintraf, daß eine junge Pariser Schauspielertruppe zwei Stücke von ihm mit sensationellem Erfolg gespielt hatte. Sie wurde beschleunigt, als das führende französische Verlagshaus Gallimard einen Generalvertrag schickte.

„Ghelderodes Dramatik ist von einem Maler geschaffen“, sagt sein Biograph Jean Francis. Sein berühmter Förderer war der große James Ensor. Die Stücke La Pie sur le Gibet und Les Avougles führen die Bezeichnung „nach einem Bild von Breughel d. Ae.“. Auch nach den „Caprichos“ von Goya hat Ghelderode ein Drama gedichtet, ein anderes nach den „Masken von Ostende“ von Ensor. Die fünfzig Dramen – sind allesamt visionär. Sie entstanden in einem Traneezustand. Wenn die Inspiration über Ghelderode kam, verließ er tagelang nicht den Platz auf seinem Sofa, vor dem ein kleiner Tisch steht. Der Dichter war „weggelopen“ (wie man so plastisch im Niederländischen sagt). Dann brach er in sich zusammen, bekam einen Asthmaanfall, verfiel in einen todähnlichen Schlaf, um plötzlich wieder aufzuwachen und weiter zu schreiben. „Es war oft ungeheuerlich“, berichtet seine Frau, „ich hatte eine Angst, als wäre ein Dämon in meinen Mann gefahren.“

Die Zeit, in der Ghelderodes Dramen spielen, ist „eine Zeit um Mittelalter und Renaissance“. „Das war eine gute Zeit“, sagte er mir, „eine dankbare Zeit für den Dramatiker. Es gab: la grande liberté. Aus unserer Zeit kann man doch nichts gestalten, da werden einem ununterbrochen die Hände gebunden. Im sechzehnten Jahrhundert war man sehr brutal und gewalttätig, aber man bekannte sich dazu, man heuchelte nicht.“

Aber während viele bedeutende Dichter dieser Zeit „ohne Gott“ sind, befindet sich Ghelderode ununterbrochen auf dem Kalvarienberg. Man hat versucht, ihn als einen katholischen Dichter einzuordnen. Aber darüber ist er empört. Gerade der katholischen Kirche hat er sehr böse Nüsse zu knacken gegeben und nach den Pariser Aufführungen 1949 wurde der Erzbischof von Paris gebeten, Ghelderode als Ketzer auf den Index zu setzen. Aber der Erzbischof von Paris schickte ein Kollegium von hohen Geistlichen in eine Aufführung von Fastes d’Enfer, und einer von diesen faßte seine Eindrücke dahin zusammen: der belgische Dichter sei wohl ein Christ wie wenige heute. Gewiß, der Teufel beherrsche sein Werk vielleicht mehr als Gott. Aber bei Bernanos sei das auch der Fall. So durfte Paul Werne bei einem Festakt des Journal des Poetes in Brüssel sagen: „Durch Sie, wie auch durch Bernanos weiß man, daß der Teufel kein mythisches Wesen ist, berufen, um den Kindern Angst einzujagen, sondern ein Wesen, das heute ebenso wie einst existiert. Sie haben das Verdienst, ihn restauriert zu haben, ihn wieder auf die Bühne gebracht zu haben. Ich weiß gar nicht, ob Sie an Gott glauben. Ich glaube wohl. Aber einer Sache bin ich ganz sicher, daß Sie an den Teufel glauben. Es gibt ja keinen Teufel, wenn es nicht Gott gibt.“

Bald wird man Ghelderodes Dramatik auch in Deutschland kennenlernen können: sein „Barbaras“ kommt in Baden-Baden auf die Bühne. Rolf Italiaander