RKN., Zürich, Anfang November

Die Weltmarktpreise für Naturseide sind seit Beginn der Koreakrise um mehr als 50 v. H. gestiegen, und selbst amerikanische Verarbeiter haben ihre Deckungskäufe eingestellt, weil sie die Preise nicht mehr bezahlen wollen. Da ein ersichtlicher Zusammenhang zwischen der anlaufenden Rüstungskonjunktur und dieser Rohseidenhausse nicht besteht und zudem in den letzten Monaten das so stark propagierte Nylongarn eine stabilisierende Wirkung auf die auch sonst immer sehr großen Preisschwankungen der Seidenmärkte ausgeübt hat, fragt man sich in internationalen Wirtschaftskreisen, was der Grund dieses plötzlichen Preisauftriebes sei.

Es gibt wohl keinen Zweifel, daß es sich hier um eine rein spekulative und von wenigen Großeinkäufern in Japan manipulierte Hausse handelt, die in ihrer Hoffnung begründet ist, die Rohseide werde, wie im letzten Weltkrieg, von der amerikanischen Regierung en bloc übernommen werden. Es verlautet, daß amerikanische Importeure an die japanische Regierung mit dem Ersuchen herangetreten seien; in ihrem Wirkungsbereich gegen dieses Preischaos einzuschreiten. Wie „American Silk Council“ bekanntgibt, habet die USA im Juli 1950 nicht weniger als 7157 Ballen Rohseide aufgenommen; das ist die größte Monatsmenge seit Kriegsende. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden von den USA insgesamt 33 770 Ballen Rohseide Importiert, gegen nur 19 082 in der gleichen Zeit des Vorjahres. Dieses Importmaximum wird den günstigen, Preisen im ersten Halbjahr zugeschrieben, wie auch die gegenwärtigen Maximalpreise diesen Rekordimporten. Derzeit besteht in Amerika die Tendenz, die Einfuhr so lange zu drosseln, bis sich der Markt wieder beruhigt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt wird man Nylon als Konkurrenz gegen die ausspielen Einkommen, eine absurde Sache ist und keine vernünftige Lösung darstellt.

Zusätzlichen Kummer bereitet dem Finanzminister (abgesehen von der Ablehnung des Finanzausgleichs im Bundesrat und von sonstigen Eigenwilligkeiten seiner Kollegen in den Ländern – ein „großes Thema“, das noch einmal gesondert behandelt werden soll) nun neuerdings die Diskonterhöhung. Sie „gefährdet den Bundeshaushalt“, wie in den Tageszeitungen zu lesen war. Aber das ist zu einseitig gesehen, als daß es richtig sein könnte. Wie man heute Herrn. Schäffer zubilligen muß, daß er aus konjunkturellen Gründen berechtigt und verpflichtet ist, erhöhte Steuern zu verlangen – denn im Zeiten der Stagnation lassen sich die Steuern nicht erhöhen, und wann überhaupt sollen die öffentlichen Kassen aufgefüllt werden, wenn nicht in den Zeiten einer stürmisch anlaufenden Konjunktur?! – so muß anderseits Herr Schäffer bereit sein, der Zentralbank zuzubilligen, daß sie mit den ihr hierfür gegebenen Mitteln eingreift, um die kreditpolitische Situation zu normalisieren. Auch hier gilt eben, daß „Sicherheit“ eine kostspielige Sache ist; wobei es letztlich um die Sicherung der Währung geht, speziell um die Sicherung der Zahlungsbilanz, und im Endeffekt um die Aufrechterhaltung von Außenhandel und Binnengeschäft überhaupt. Daß die Diskonterhöhung sich auf die Pläne des Finanzministers in Sachen Bundesanleihe jetzt ungünstig auswirkt, zeigt schließlich doch nur, daß Herr Schäffer zu billig an die 709 Mill. DM dieser Anleihe hat kommen wollen – daß er geglaubt hat, unter dem Zins, den der Kapitalmarkt beansprucht, abschließen zu können (nämlich be-5 v. H., bei einem an sich gut ausgedachten Prämiensystem für eine Teiltranche). Die Politik des billigen Geldes aber ist bei uns eigentlich schon viel zu lange aufrecht erhaltenworden. Wenn die Diskonterhöhung nicht nur die erwartete Schockwirkung ausübt, damit zu einer Normalisierung der überhitzten geschäftlichen Atmosphäre führend, sondern als „Fernwirkung“ noch dazu die längst fälligen Überlegungen über einen marktgerechten Zins für Kapitalanlagen bis zu wirklichen Entschlüssen fördert, dann ist damit etwas erreicht, was auf längere Sicht gesehen der Gesamtwirtschaft durchaus förderlich sein wird. Eine „marktkonforme“ Wirtschaftspolitik hat uns in den letzten beiden Jahren sehr weit vorangebracht; ihre Erfolge sind sicherlich noch stark erweiterungsfähig, wenn man nach und nach die nichtmarktwirtschaftlich organisierten Enklaven, wie eben vor allem die Kapitalmarktregelung, organisch in diese wirtschaftspolitische Gesamtführung einbezieht. Vielleicht ist es dann auch etwas eher möglich, jene 100 Mill. $ an Auslandsanleihen für Hamburg hereinzubekommen, von denen Bürgermeister Brauer kürzlich auf einem Richtfest so positiv und zukunftssicher sprach, als ob er den Vertrag darüber schon in der Tasche hätte... E. T.