Stalins Botschafter in Helsinki, Savonenkow, überreichte dieser Tage dem finnischen Außenminister eine diplomatische Note, die ein neues Kapitel im Kalten Krieg ankündigt. Während die westliche Welt geneigt ist, auf den amerikanischen Lorbeeren des koreanischen Krieges auszuruhen, hat Moskau erneut seine Strategie blitzschnell umgeschaltet, und viele tausend Kilometer von der asiatischen Halbinsel entfernt, eine andere Offensive begonnen. Dieses Mal nicht mit militärischen, sondern mit diplomatischen Waffen. Aber die Attacke ist darum nicht weniger gefährlich.

Der Einsatz im neuen Spiel sind die Aalandsinseln. Es geht um die de facto Herrschaft über diese Inselbrücke zwischen Schweden und Finnland. Wenn es dem Kreml gelingt, seine Vorposten bis hierher vorzuschieben, wird die Ostsee endgültig zum roten Binnenmeer werden. Wenn es hingegen dem Westen glückt, Moskau zuvorzukommen, hätte er vor den Toren von Rußlands zweitgrößter Stadt ein zweites strategisches Berlin geschaffen. Dies Entweder-Oder gilt es festzuhalten. Die Aalandsinseln sperren den Zugang zum Bottnischen Meerbusen. Sie beherrschen die Einfahrten zur schwedischen Hauptstadt Stockholm, zur finnischen Hauptstadt Helsinki und zum sowjetischen Kriegshafen Leningrad, Ihre strategische Bedeutung wird von keiner anderen Inselgruppe in der Ostsee auch nur annähernd erreicht. Ihre staatsrechtliche Zugehörigkeit aber ist nicht ganz eindeutig geklärt Und eben diese Tatsache versuchen die Sowjets sich jetzt zunutze zu machen. Und eben dies sollte der Westen ihnen nicht durchlassen.

Im Jahre 1917, nach der bolschewistischen Revolution, wünschte die Bevölkerung der Inseln, mit Schweden vereint zu werden. Nur allzu gern sandte daraufhin im nächsten Jahr Stockholm Truppen nach den Aalandsinseln. Allein, die Soldaten mußten bald wieder zurückgezogen werden. Finnland, von Deutschland unterstützt, beanspruchte die Oberhoheit über das Gebiet. So kam es 1920 zu finnisch-schwedischen Spannungen, die schließlich dem Völkerbund zur Schlichtung vorgetragen wurden. Dieser entschied am 20. Oktober 1921, daß die Inseln zu Finnland gehörten. Es wurden jedoch zugleich gewisse internationale Garantien für die schwedische Bevölkerung und für die Neutralität der Inseln gegeben. Auch im Kriegsfall sollten sie neutral bleiben; selbst dann, wenn sich der Statut quo im Ostseeraum verändere. Damit wurde jene Neutralisierung der Inseln erneut bekräftigt, die zum erstenmal am Ende des Krimkrieges im Pariser Vertrag vom 30. März 1856 festgelegt worden war Dieses Völkerbundsstraktat ist von den Großmächten und den Anliegerstaaten der Ostsee unterzeichnet worden; jedoch nicht von der Sowjetunion, die 1921 ja noch kein Völkerbundsmitglied war.

1939 befestigte Finnland die Inselgruppe, nachdem es eine entsprechende Erlaubnis bei den Garantiemächten eingeholt hatte. Nach dem finnisch-sowjetischen Waffenstillstand am 19. September 1944 wurden die Inseln demilitarisiert, und drei Jahre später, 1947. unterschrieben die finnischen Delegierten in Paris einen Friedensvertrag mit den Alliierten, in dem es unter anderem heißt: „Die Aalandsinseln verbleiben demilitarisiert.“ Von einer internationalen Garantie wie 1921 wurde 1947 nicht mehr gesprochen. Die Frage ist nun, ob diese Garantie dessenungeachtet noch besteht oder nicht. Die Finnen sagen ja. Die Sowjets sagen nein.

Das finnische „Ja“ kommt eindeutig in einem neuen Autonomie- und Selbstverwaltungsgesetz für die Inselgruppe zum Ausdruck, das bereits fertiggestellt ist, und nur noch auf seine Verabschiedung durch den Reichstag in Helsinki wartet. Das sowjetische „Nun“ geht nicht weniger klar aus eben jener mysteriösen Note hervor, die Botschafter Savonenkow dem finnischen Außenminister überreichte, und in der Moskau im letzten Augenblick forderte, das Autonomie- und Selbstverwaltungsgesetz von der Tagesordnung des Reichstages abzusetzen.

Moskau will auf jeden Fall verhindern, daß die Westmächte mittels einer wieder aufgefrischten Garantieerklärung Gelegenheit erhalten, auf den Aalandsinseln Fuß zu fassen. Es wünscht statt dessen, daß die Inseln ausschließlich der finnischen Oberhoheit unterstellt werden, Denn damit – und hier erreicht die rote Diplomatie nahezu klassische Züge – unterständen sie zwar noch immer einem Gegner des Stalinimus, aber zugleich auch dem finnisch-sowjetischen Beistandspakt. Und dieser Pakt sieht vor, daß einzelne Teile Finnlands befestigt werden können, wenn die Sowjetunion eine Kriegsgefahr für beide Länder für akut hält...

Botschafter Savonenkow hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß der Kreml jede internationale Garantie für die Aalandsinseln als einen Bruch des finnisch-sowjetischen Friedensvertrages ansehen würde. Und schon bezeichnet die sowjetische Presse die Inselgruppe als beliebtes Ausflugsziel für westalliierte Spione in der Maske von Journalisten und Ornithologen. Dem schwachen Finnland würde also in Kürze wahrscheinlich gar nichts anderes übrigbleiben, als dem gleichzeitig innen- und außenpolitisch einsetzenden Druck der Kommunisten nachzugeben, und die Garantiebestimmungen aus dem neuen Aalandsinselgesetz zu streichen – wenn nicht im letzten Moment die freien Nationen die Gefahr erkennen und danach handeln werden. Die UNO sollte in dieser Stunde der Regierung in Helsinki den Rücken stärken oder von sich aus als Nachfolgeorganisation des Völkerbundes das Problem der Garantieerklärung auf ihre Tagesordnung setzen. Sobald sich der im Acheson-Plan vorgesehene „Wachhundausschuß“ konstituiert hat, muß er den Fall der Aalandsinseln untersuchen, weil dort eine akute Bedrohung für den Frieden besteht. Es darf nicht wieder geschehen, daß wie in Korea, Unachtsamkeit mit Blut bezahlt werden muß. Wieder hat der Kreml der ersten Zug getan. Aber noch hat der Westen die Chance, auch diese Partie zu gewinnen. Engdahl-Thygesen