Rotchinesische Truppen befinden sich noch etwa 300 km vor Lhasa, Tibets Hauptstadt und einem Mittelpunkt des Buddhismus. Es Ist die vierte chinesische Invasion innerhalb von 200 Jahren. Aber diesmal geht es um mehr als Tibet: es geht im Geistigen um den Kampf zwischen Kommunismus und Buddhismus und in der Politik um das asiatische Gleichgewicht.

Der Kommunismus hat schon seit langem zu einem vernichtenden Stoß gegen die ost-, südost- und innerasiatischen Völker des buddhistischen Kulturkreises ausgeholt. Dieser Glaubensbereich – der keineswegs eine einheitlich; religiöse Struktur zeigt, sondern in drei Hauptrichtungen, den nördlichen, den südlichen und den lamaistischen Buddhismus zerfällt – umfaßte bis zum Aufkommen der bolschewistischen Herrschaft etwa 639 Millionen Menschen, von denen sich sechzig bis siebzig Prozent zur buddhistischen Religion bekannten. Durch die Machtausbreitung der sowjetischen Ideologie wurden nicht nur im asiatischen Teil der UdSSR die buddhistischen Glaubenszentren beseitigt, sondern über die Grenze der Sowjetunion hinweg auch jene Gebiete Inner- und Ostasiens einem kommunistischen Regime unterstellt, deren Bewohner, sich mehr oder minder zum Lamaismus oder zum Mahayanismus, dem nördlichen Buddhismus, bekannten. Die gegenwärtige Bilanz unter Berücksichtigung der koreanischen Halbinsel ergibt, daß die buddhistische Religion inzwischen durch den Kommunismus aus einem Areal von 11,2 Millionen Quadratkilometer verdrängt wurde und dabei rund 295 Millionen Bekenner verlor. Weitere Glaubensgebiete, die durch das religionsfeindliche asiatische Kominform als gefährdet gelten, sind Burma, die indochinesische Bevölkerung von Laos, Kambodscha und Vietnam sowie der durch die kommunistische Invasion bedrohte lamaistische Religionsstaat Tibet.

Die Bolschewisten haben schon früh dem Versuch unternommen, die lamaistischen Kleriker in der russischen Burjat-Mongolei und später in der Äußeren Mongolei und Tannu Tuwa umzuschulen. Dieser Prozeß wurde sowjetischerseits durch den seit 1925 in der UdSSR bestehenden „Verband der streitbaren Gottlosen“ (Besboshniki) gefördert. Man gründete sogar offiziell den Staatsverlag Burutschkom in der Hauptstadt der burjatmongolischen Sowjetrepublik, Ulan Ude, um die sich zum Lamaismus bekennenden Mongolen mit politischer und antireligiöser Literatur zu überschwemmen. Die bisherigen lamaistischen Kleriker mußten, an Stelle der religiösen Texte beispielsweise nach erfolgter Umschulung zu kommunistischen Agitatoren eine Schrift über den „Umsturz der englischen Arbeiter und des Chartisums“ ihren bisherigen Gläubigen vorlesen und erläutern. Was sollen ein Lama, der sich jahrelang nur mit buddhistischen Texten befaßte, und ein Mongole, der bisher nur für die Viehzucht Interesse zeigte, damit anfangen?

Ähnlich wie in der Äußeren Mongolei und in Tannu Tuwa die lamaistischen Galdans (Klöster) beseitigt, die Kleriker umgeschult, in Industriewerken oder zum Straßenbau eingesetzt wurden, falls sie nicht den Tod als Märtyrer wählten, so verfuhr auch die kommunistische Regierung Chinas mit den buddhistischen Mönchen und Nonnen. Letztere wurden der Soldateska preisgegeben, die Mönche zu Militärdiensten gepreßt oder erschossen und die Tempelanlagen sowie Klöster von den bisherigen Insassen geräumt. Von den rund fünfhunderttausend Klerikern haben es aber mit zweifünftel vorgezogen, sich den Kommunisten zur Verfügung zu stellen.

Der seit dem vierten Jahrhundert in Korea beheimatete Buddhismus blieb ebenfalls von den kommunistischen Ausrottungsverfolgungen nicht verschont. Bereits während der sowjetischen Besatzungsära wurden rund fünfzigtausend buddhistische Mönche allmählich nach den Kohlenbergwerken und Ölfeldern Sachalins deportiert, wo sie umkamen. Mit dem Tage der nordkoreanischen Invasion begann eine neue Verfolgung. Zahlreiche Klöster wurden niedergebrannt, die Mönche vertrieben, getötet oder zu Frontdiensten in den vordersten Kampflinien gezwungen. Die Situation in den übrigen buddhistisch-lamaistischen Gebieten Zentralchinas, der nördlichen Mandschurei und Osttibet ist ähnlich.

Es ist eine Ironie des weltpolitischen Schicksals, daß die jeglichen Krieg und Kampf verneinende älteste Weltreligion, der Buddhismus, den mächtigsten aggressiven Stößen des militanten Kommunismus ausgesetzt ist, denn das vornehmste Gebot des Buddha war und ist: Mögen alle Wesen glücklich sein. Walter Persian