BP. Stockholm, Ende Oktober

Zwei Tatsachen sind es, die gegenwärtig im schwedischen Wirtschaftsleben mitgroßer Aufmerksamkeit beachtet werden: die erfreuliche Entwicklung des Handels mit Westdeutschland und das bedenkliche Anwachsen inflationistischer Tendenzen in Schweden. Selbst Fachleute sind erstaunt darüber, daß Westdeutschland, schon wieder so viel und so rasch liefert. Vor allem aber : wird es günstig vermerkt, daß Westdeutschland aber alle Erwartungen viel von Schweden beziehen kann! Zum erstenmal seit langer Zeit ist Westdeutschland im August der größte Abnehmer Für den schwedischen Export gewesen. Für 77,9 Will. Kr. gingen schwedische Waren nach Westdeutschland. Großbritannien, das für 67 Mill. Kr. bezog, ist als Käufer auf den zweiten Platz zurückgefallen. Im gleichen Monat lieferte Westdeutschland für 55 Mill. Kr. nach Schweden. In den ersten, acht Monaten konnte Schweden damitFür 448,5 Mill. Kr. Waren nach Westdeutschlandausführen und importierte für 352,6 Mill. Kr. deutsche Waren. Schweden erreichte also einenAusfuhrüberschuß von rund 95 Mill. Kr. Zu den schwedischen Stapelwaren Erz, Holz, Holzwaren und Papiermasse sind jetzt Butter, Eier und Trockenmilch getreten; Steinkohle, Schmiedeeisen und Stahl, Chemikalien, Maschinen, Kraftwagen und Instrumente dagegen sind die wichtigsten Einfuhrwaren, die Westdeutschland heute wieder iefert. Gegenwärtig ist man in Schweden sehr gespannt, wie sich die neuen deutschen Einfuhrbestimmungen auf die schwedische Ausfuhr auswirken werden.

Wenig erfreulich sind im schwedischen Wirtschaftsleben heute die inflationistischen Tendenzen, die sich immer stärker auswirken. Das „einfache Mittel“ der Kronen-Aufwertung hat man nicht rechtzeitig angewandt, und nun ist damit zu rechnen, daß Woll- und Baumwollstoffe ab Januar 1951 20 v. H. teurer werden. Um die Mehrausgaben für die Wehrkraft zu decken, ist die Erhöhung der Spirituosen- und Schokoladenpreise ab 1. Dezember 1950 vorgesehen. Ein Liter Branntwein kostet dann beim Monopol über 15 Kronen gegen etwa fünf im Jahre 1939. Die Tafel Schokolade, die 25 Öre kostete, wird auf 75 Öre steigen. Die Subventionen für Kaffee fallen auch weg, was eine weitere Verteuerung der Lebenshaltung bedeutet. Nun sollen ab Januar 1951 die Löhne und Gehälter den bisherigen Lebenskosten angepaßt werden. Aber Eisenbahn, Postund Industrie erklärten bereits, daß sie die Mehrausgaben hierfür nur durch Preis- und Tariferhöhungen decken können. So besteht die Möglichkeit, daß Schweden die höchsten Eisenbahnfahrpreise in Europa. bekommt... Die Regierung, die einerseits erklärt, jede Standard- und Reallohnerhöhung sei nur durch eine Produktionserhöhung möglich, sucht anderseits die Investierungen zu bremsen. Infolge der erstrebten Vollbeschäftigung stößt aber jede Produktionserweiterung auf Mangel an Arbeitskräften. Deshalb werden seit Kriegsende Neubaugenehmigungen rationiert. Alles In allem kann man froh sein, wenn sich in Schweden die Preis- und Lohnwelle auf einem um 10 bis 15 v. H. höheren Niveau abstoppen läßt.