Von unseren; Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Oktober

Kompromisse müßten beide Seiten machen und ein einiges Deutschland werde natürlich nicht einfach eine Kopie der heute vorhandenen Struktur der SED-Republik sein können: dies hat der Generalsekretär der SED Walter Ulbricht kommentierend zu den Aufforderungen der Prager Ostblock-Konferenz gesagt. Ulbricht war zur Zeit der Prager Konferenz weder in Prag noch in Ost-Berlin. Kenner seiner Umgebung habe den unmittelbaren Beauftragten der sowjetischen Politik während dieser Zeit in Moskau vermutet. Jedenfalls bedeuten seine so weitherzigen Auslegungen der Molotow-Aktion in Richtung Gesamtdeutschland eine sehr genaue Wiedergabe der unmittelbaren Moskauer Wünsche. Daraus freilich eine radikale Kursschwankung der SED-Linie in Deutschland abzuleiten, wäre absurd, denn dieses variierte Angebot an Westdeutschland ist nichts anderes als ein neuer Versuch, nach Westdeutschland hin endlich Boden zu gewinnen.

Mit Vergnügen wird in der kommunistischen Presse sogleich das erstaunte Interesse registriert, das einige süd- und südwestdeutsche Blätter dem so alten und so durchsichtigen Konzept eines gesamtdeutschen Rates auf paritätischer Grundlage entgegenbringen. Was den gegenwärtigen Zeitpunkt für derartige Infiltrationsbemühung günstig erscheinen läßt, ist das deutsche Unbehagen über die aktuellen Wiederbewaffnungs-Gespräche. Da gleichzeitig von Moskau aus in das Deutschland gegenüber skeptische Frankreich die nämlichen Argumente getragen werden, hoft man auf einen Gleichklang, der der rückläufigen kommunistischen Bewegung zum ersten Male wieder Auftrieb geben könnte.

In einem anderen Punkte freilich scheint der SED-Infiltrationsplan erheblich unter den Erwartungen zu bleiben, es.handelt sich dabei um die „Aktionseinheit“, worunter ein Zusammenwirken der kommunistischen Funktionäre mit sozialdemokratischen und christlichen Gewerkschaftlern verstanden wird. Das Geheimnis, mit dem eine solche Konferenz von angeblich über 1000 westdeutschen Funktionären „auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik“ umgeben worden ist, läßt auf die heftige Opposition schließen, die dort Pieck und Grotewohl erleben mußten. Nach einigen Informationen haben die SED-Vorsitzenden sich bei dieser Zusammenkunft, über die das „Neue Deutschland“ erst fünf Tage später berichtet hat, den peinlichen Fragen der westdeutschen Funktionäre nur durch den Abbruch der Konferenz entziehen können.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Feststellung Piecks, die Ereignisse in Korea hätten gelehrt, wie anders man verfahren müsse, um ein getrenntes Land wieder zu einigen. Es wird darauf ankommen, daß die führenden Kreise des Westens sich durch diese scheinbare Kursänderung nicht täuschen lassen. Sie sollten versuchen, sie aktiv zu beantworten.