Von unserem türkischen Korespondenten

Pa. Istanbul, Ende Oktober

Der Simplon-Expreß fährt nicht mehr, während diese Zeilen geschrieben werden. Schuld an dem Stop des berühmten, Luxuszuges zwischen Calais und Istanbul, der für gewöhnlich nur anläßlich von Weltkriegen seinen Fahrplan zu ändern pflegt, sind ein paar tausend Zigeuner. Die bulgarische Regierung hatte sie in den Orient-Expreß gestopft. Die türkische Regierung verweigerte ihre Aufnahme. So blieben sie auf halbem Wege im griechischen Zipfel bei Python hängen. Und die griechische Regierung, ärgerlich und schnell entschlossen, stoppte den gesamten Zugverkehr, um Wiederholungen zu vermeiden,

Nun, die Geschichte von den Zigeunern ist kein Anfang, und die Verkehrsstockung ist nicht das Ende. Die ganze Episode ist vielmehr nur ein Intermezzo in einer neuen Massenumsiedlung, ohne die anscheinend keine Politik mehr gemacht werden kann. Vor einem Vierteljahrhundert, im Jahre 1925, schlossen Türkei und Bulgarien einen Vertrag, der vorsah, daß die bulgarische Regierung einer langsamen und organischen Rückwanderung der in Bulgarien ansässigen Türken keine Schwierigkeiten entgegensetzen werde. Inzwischen ist in Sofia eine kommunistische Regierung an die Macht gekommen. Und diese bat den Vertrag einfach umgedreht: Noch für diesen Winter wurde von ihr die Zwangsausweisung von 250 000 Türken angekündigt.

Jedem Rückzug der ottomanischen Macht aus Europa – aus der Balkanhalbinsel, aus der Krim und aus dem Kaukasus – sind in der Geschichte erhebliche Rückwanderungen der islamischen Bevölkerung nach der Türkei gefolgt. Und die Türkei fuhr meistens nicht einmal schlecht dabei. Die Rückwanderer brachten eine Fülle von wirtschaftlichen Erfahrungen, materiellen Werten und kulturellen Anregungen mit, so daß die muhacir für den Fortschritt des Landes im letzten Jahrhundert eine bedeutende Rolle spielten. Auch die erwartete Heimkehr der bulgarischen Türken schien daher Ankara nicht unerwünscht,

Die plötzliche Androhung von Massenausweisungen hat nun allerdings die Situation mit einem Schlage Verändert. Erstens weiß man erfahrungsgemäß, daß offizielle Rückwanderer aus den Satellitenstaaten selten mehr als ein volkseigenes Hemd über die Grenze mitbringen, Zweitens haben die Zigeuner im Simplon-Expreß bewiesen, daß die bulgarische Regierung die Gelegenheit benutzen will, auch eine ganze Reihe von ihnen unliebsamen Elementen loszuwerden. Und drittens hat endlich fast gleichzeitig mit der bulgarischen Drohung auch die sowjetische Regierung die Ausweisung von einer Million Krimtataren nach der Türkei angekündigt,

So muß sich denn Ankara schon heute, so gut es eben geht, darauf vorbereiten, von einem Tag auf den anderen einem finanziell und organisatorisch fast unlösbaren Problem gegenüberzustehen. Vieles – und nicht zuletzt die Hinzuziehung des amerikanischen Botschafters zur Ausarbeitung der türkischen Antwort auf die bulgarische Rückwanderernote – deutet hier darauf hin, daß man versuchen will, die UNO für die Frage zu interessieren. Glückt das nicht, und machen die Kommunisten ihre Drohung wahr, dann also wird auch die Türkei in Kürze jenes Flüchtlingselend in ihren Grenzen sehen, das zum Sinnbild einer aus den Fugen geratenen, unmenschlichen Welt geworden ist. Die Zigeuner im Simplon-Expreß waren die in Lumpen gekleideten Herolde eines solchen Einbruchs in ein vom Krieg verschontes Land.