Wichtige Bücher kurz angezeigt

Hans Asmussen: Maria die Mutter Gottes (Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart, 61 S.). – Einer der führenden und am radikalsten tragenden evangelischen Theologen prüft die Stellung seiner Kirche zur Frage der Marienlehre und kommt zu dem Ergebnis, daß die Mutter Christi auch von der Bibel her mehr als bisher zum Halt des Glaubens gemacht und als Teilnehmerin am Mittlertum des Sohnes verehrt werden müßte, wenn "die Kirche gebaut werden soll".

Alberto Moravia: Adriana. Ein römisches Mädchen (Verlag Kurt Desch, München, 608 S., Leinen 13,50 DM). – Die deutsche Ausgabe des neorealistischen Sittenromans "La Romana", der wegen seiner kühlen Wahrhaftigkeit das meistgelesene Werk der italienischen Nachkriegsliteratur und ein Welt-Bestseller geworden ist. Moravia gelang das Wagnis, die Autobiographie einer römischen Prostituierten ohne Anleihen beim Jargon der Straße und dennoch unbestechlich wie die Kamera Rossellinis zu entwerfen.

Klaus Mann zum Gedächtnis (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 206 S., Leinen 6,80 DM). – Charakteristiken, Porträts, Erinnerungen, beigesteuert von Freunden und Mitarbeitern, die der überreich begabte, an seinen Widersprüchen zerbrochene Sohn Thomas Manns in allen Ländern hatte. "Ich vergaß ganz", schreibt der amerikanische Dichter Christopher Isherwood, "was die meisten von uns vergessen: daß gerade die Tapferen der Bestätigung bedürfen."

Eugen Lemberg: Geschichte des Nationalismus in Europa (Curt E. Schwab, Stuttgart, 319 S., Leinen 14,80 DM). – Ein Grundwerk zu dem sonst mehr beredeten als erfaßten Problem. Es verfolgt die Formen der Integration zu höheren, von der Nachbarwelt bewußt geschiedenen Gemeinschaften, bis hin zur Nation im modernen, in sich wieder mehrdeutigen Sinn und über sie hinaus zu den heutigen Großraumgebilden. Tastender als diese umsichtig durchdachte Darstellung sind die Vorträge und Diskussionsreden deutscher und französischer Historiker, die in

Europa und der Nationalismus, Bericht über das III. Internationale Historikertreffen in Speyer (Verlag für Kunst und Wissenschaft, Baden-Baden, 209 S., brosch. 6,50 DM) abgedruckt sind. Im Mittelpunkt: Franz Schnabels Referat über "Bismarck und die Nationen".

Martin Buber: Zwei Glaubensweisen (Manesse Verlag, Zürich, 178 S., Leinen 13,– Fr.). – Der jetzt in Jerusalem lebende große Religionsphilosoph entwickelt an Hand eingehender Interpretationen den Unterschied der spezifisch jüdischen, im Vertrauen beruhenden, von der spezifisch christlichen, das Für-wahr-Halten eines Offenbarten einschließenden Glaubenshaltung und endet mit der Ahnung einer künftigen Synthese.

Arnold Zweig: Verklungene Tage (Verlag Kurt Desch, München, 274 S.) – Das handschriftliche Manuskript datiert aus dem Jahre 1909; Freunde bewahrten es nach 1933 vor der Vernichtung; ein Amsterdamer Verlag publizierte es 1937 für das Ausland. Nun, als Präsident der ostzonalen Akademie der Künste, hat der Autor diese duftige Liebesgeschichte goldener Studententage in München vor dem ersten Weltkrieg in einem westdeutschen Verlag auch in seiner Muttersprache erscheinen lassen.

Wichtige Bücher kurz angezeigt

Oskar Maurus Fontana: Der Engel der Barmherzigkeit (Paul Zsolnay Verlag, Wien, 469 S.). – Leben und Werk der Engländerin Florence Nightingale, die im Krimkrieg aller Welt die Wege karitativer Hilfe wies, werden in Anlehnung an die biographischen Daten romanesk gewürdigt.

Benno Reifenberg: Das Abendland gemalt (Societätsverlag, Frankfurt am Main, 439 S., Leinen 13,80 DM). – Aufsätze des sensitivsten und universellsten unter den lebenden deutschen Betrachtern zu Werken der bildenden Kunst aus den Jahren seit 1933, in zeitlicher Ordnung von van Eyck bis zu Ensor und Hofer.

Albert Wellek: Die Wiederherstellung der Seelenwissenschaft im Lebenswerk Felix Krügers (Richard Meiner Verlag, Hamburg, 79 S.). – Stellt in gedrängter Form die Rolle Felix Krügers, des 1948 gestorbenen Nachfolgers von Wilhelm Wundt. bei der Befreiung der Psychologie von den Fesseln des Positivismus dar und grenzt Krügers fruchtbare Strukturlehre scharf von der "Gestalt"-Lehre anderer Schulen ab.

Freda Utley: Kostspielige Rache (H. H. Nölke Verlag, Hamburg, 326 S., Leinen 12,– DM). – Eine polemische Schrift, die auf dem Augenschein einer Deutschlandreise in den Jahren 1948/49 fußt. Manche seiner Voraussetzungen sind heute überholt. Aber das spricht für das Buch. Denn die Verfasserin – konvertiert zum Kommunismus und dann von ihm geheilt – wollte mit der scharfen Kritik an der Besatzungspolitik die Sieger sehend machen und den Besiegten ihre Mitverantwortung erklären.

Erwin Ott: Die Gefesselten. Sudetendeutsches Schicksal 1944–1946 (Burgberg-Verlag, Bayerhof b. Schweinfurt, 205 S., Leinen 7,50 DM). – Der sudetendeutsche Schriftsteller – er starb 1947 nach seiner Aussiedlung an den Entbehrungen im tschechischen Arbeitslager – hat dieses Volksbuch von Flucht, Rückkehr und Vertreibung seinen Landsleuten als das Hohelied der Heimatliebe hinterlassen.

Pessimismus klingt als Grundakkord immer wieder auf, ohne daß dem Leben abgeschworen oder an ihm vorbeigelebt würde. Was Oliver geschieht, ist Hunderten und Tausenden geschehen; das deutsche Mädchen Aarge hat typische Züge der um 1945 Siebzehnjährigen; Wally, schön und kapriziös, das Symbol der Jahre, deren Erinnerung nun langsam wieder nach oben steigt, nie vergessen, immer noch geliebt und doch schon überlebt; Bob, der sympathische Feind; der vertrottelte General, und die vergnügte junge Ärztin mit ihrem Russenabenteuer – sie alle hat es gegeben, und sie alle sind klüglich an ihren Platz gestellt. So exakt allerdings dem Dichter, der sich wohl die eigenen Erlebnisse vom Herzen schreibt und sie in ein wohlüberlegtes Romangerüst einbaut, die männlichen Gestalten gelingen, so schematisch bleiben Aarge und Wally, liebenswert beide, doch ohne jene pralle Fülle, mit denen die Männer charakterisiert sind.

Die Kargheit der Erzählung, die sprachliche Direktheit und das knappe Herausschälen der Zusammenhänge geben diesem ersten Roman Soehrings klare nüchterne Aspekte zur Analyse unserer jüngsten Vergangenheit. Er vergißt nichts und er beschönigt nichts, aber er kapituliert auch nicht. Das Spektakel Leben hat ihn erfaßt, und aus der Angst ist das große Staunen geworden.

Ingeborg Hartmann