25 Jahre „Griffelkunst-Vereinigung“

Die eigentliche Krankheit der Kunst unserer Zeit ist, daß es ihr am „Auftrag“ fehlt. Und zwar sowohl im geistigen wie im materiellen Sinne, weshalb sich auch die Folgen dieser Auftraglosigkeit im Geistigen wie im Materiellen zeigen. In dieser Situation, deren Kennzeichen allzu bekannt sind, bedeutet jeder Versuch, eine Art Auftrags Verhältnis zwischen Kunst und Publikum wiederherzustellen, eine rühmenswerte Tat und einen Fortschritt zur Gesundung.

Ein vorbildliches Beispiel solcher Bemühung bietet die „Griffelkunst-Vereinigung Hamburg-Langenhorn E. V. (Gemeinnützige Kulturvereinigung für Kunstfreunde)“, die soeben ihre Jubiläumsausstellung zur 100. Bilderwahl in der Hamburger Kunsthalle eröffnete. Johannes Böse, ein Volksschullehrer, gründete diese Vereinigung 1925 und führte sie zu steigendem Erfolge. Sie hatte 1948 bereits 3000 Mitglieder in nahezu 400 Orten Deutschlands. Für einen Monatsbeitrag von DM 1,50 kann sich jedes Mitglied vierteljährlich eine handsignierte Originalgraphik auswählen, so daß es für DM 4,50 ein Kunstwerk erwirbt, dessen Wert weit darüber hinausgeht. Gegenwärtig sind es mehr als 150 Künstler anerkannten Ranges, die mit der Vereinigung in Verbindung stehen und von denen zu jeder Wahlausstellung je drei mit je fünf ihrer Arbeiten herangezogen werden. Seit Beginn des Unternehmens („Unternehmen“ nicht im geschäftlichen Sinne – denn die Vereinigung arbeitet ohne Kapital) sind auf diese Weise 120 000 Kunstblätter verkauft und rund 500 000 Mark an die Künstler ausgegeben worden.

An der Hamburger Jubiläumsausstellung sind 69 Künstler beteiligt, deren Namen allein schon beweisen, daß es sich hier nicht um so etwas wie ein Wohltätigkeitsunternehmen für „Verkannte“ oder Erfolglose handelt, sondern eben um die Herstellung einer für beide Teile segensreichen Annäherung zwischen hochqualifizierter Kunst („genügend Qualität und Kraft“ ist Bedingung für die künstlerische Mitarbeit) und denen, die nach ihr fragen. Die Künstler wissen dabei, daß sie nicht ins Leere schaffen, sondern Resonanz finden; und die „Wähler“ sind sicher, den echten Werten des modernen Schaffens zu begegnen. Und diese Annäherung hat noch den außerordentlich fruchtbaren Nebenzweck, daß sie das Vertrauen zur Kunst der Lebenden stärkt und allmählich, auf unaufdringliche, gänzlich unlehrhafte Weise einen Weg zum Verständnis neuer Stilbestrebungen bereitet, da es in der Vereinigung keine Bevorzugung irgendeiner „Richtung“ gibt. (Bei jeder neuen Wahl werden andere Künstler, andere Techniken, andere Vorwürfe gezeigt.) Auch das ist ein Vorzug, mit dem die „Griffelkunst-Vereinigung“ sich von anderen heutigen Kunstförderungsversuchen, die fast alle ideologisch gebunden sind, ermutigend unterscheidet. A – th.