Die erste deutsche Ausgabe eines Bandes von Katherine Anne Porter (Das dunkle Lied. Drei Erzählungen. Übertragen von Maria von Schweinitz, Verlag Kurt Desch, München, 234 S., DM 8,50) erweitert unsere an Hemingway, Steinbeck und Faulkner orientierten Begriffe von der heutigen amerikanischen Erzählkunst. Einen Satz wie diesen: „Alte Leute um die Vierzig waren die meisten, und sie hatten eine sonderbare Art, darauf zu bestehen, daß auch sie einmal jung gewesen waren“ mit seiner stillen Ironie würde man eher einem englischen Autor aus der Nachfolge E. M. Forsters zuschreiben. Alle Aussagen in den Novellen Katherine Anne Porters haben diese indirekte Art. „Warum macht ein starker Charakter so häßlich?“ überlegt sich ein junges Mädchen in der Erzählung „Vergänglichkeit“ während des Gespräches mit einer Suffragette. Das ist die Technik in diesen subtilen Werken: die Erlebnis weit vergangener Jahrzehnte ist nicht aus dem Blickwinkel eines heutigen Menschen geschildert, sondern spiegelt sich in den verschiedenen Bewußtseinsschichten der auftretenden Personen. Darum wechselt die Erzählerin von Kapitel zu Kapitel den Betrachter, dem sie Reflexionen in den Mund legt. Aus dieser Verschiebung der Ebenen ergibt sich wie in T. S. Eliots „Familientag“ ein Reichtum an Dimensionen, der den Leser zwingt, sich ständig mitzuverwandeln und aus den so verschiedenen Aspekten das Ganze selbst zu bilden. Das ist in seiner Dichte und Präzision ein Gegenpol zu jenen großen Amerikanern, bei denen Handlung und Dialog alles ist, und hat unmittelbaren Kontakt mit der Kunstform der Erzählung bei Henry-James, Joseph Conrad und André Gide. I. H.